Ich bin die Mama von unserem Sohn Jonas. Er ist gerade zwei Jahre und sechs Monate alt. Das ist wahrscheinlich irrelevant, weil, wenn du das liest, dann ist er schon wieder älter. („Achja, sie werden ja so schnell groß!“) Ich habe Jonas mit 34 Jahren bekommen, 10 Monate nach unserer Hochzeit. Meine Großeltern haben die damaligen Gepflogenheiten von Heirat, Haus und dann Kind nicht so ernst genommen. Mein Vater ist ein „Vier-Monats-Kind“. Ein Haus hatten wir allerdings auch nicht, sondern eine Wohnung in Hannover. Mittlerweile leben wir wieder in Göttingen.
Dass es mich wieder hierhin verschlägt – wer hätte das gedacht? Ich nicht als ich in meinen 20er Jahren die große weite Welt bereiste, von einem Job in der internationalen Entwicklungshilfe träumte und mich der Gedanke an meine erste eigene Küchenzeile, die ich dem Vormieter abkaufte, in Panik versetzte. ("Was soll ich denn mit einer eigenen Küchenzeile? Die passt nicht in einen Koffer! Was wenn ich wieder umziehe?")
Zwischen diversen Auslandsaufenthalten während des Studiums war ich immer wieder zeitweise zurück zu meinen Eltern nach Göttingen gekommen. Und doch stand fest: Göttingen ist zu klein, hier kann ich nicht bleiben. So verschlug es mich mit Ende 20 nach…Hannover. Ja, ich weiß. Nur 35 Minuten mit dem ICE von Göttingen entfernt. Das hatte ich mir in meinen früheren Jahren auch nicht erträumt. Aber irgendwo muss man ja arbeiten. Und in Hannover lernte ich auch meinen Mann Micha kennen. Ganz klassisch. Über eine Dating-App. Fast forward 3,5 Jahre: Jonas kommt zur Welt. Noch während der Ausläufer der Corona-Pandemie.
Und mit der Geburt meines Sohnes erlebte ich das Bedürfnis nach mehr Sicherheit, Vertrautheit und Beständigkeit. Das böse Wort, ja das Unwort meiner 20er Jahre, "sesshaft werden“, schlich sich als Bedürfnis immer mehr ein. Es gibt mehrere Gründe, warum wir uns für Göttingen entschieden haben. Ein wichtiger Aspekt sind Jonas Großeltern, meine Eltern. Oh ja, wir haben verdammtes Glück mit Jonas Großeltern. Meine Eltern wie auch der Vater meines Mannes sind wunderbar im Umgang mit Jonas. Ich ertappe mich, wie ich manchmal neidisch bin und mich frage, ob sie bei uns – mir und meiner Schwester – auch so geduldig, immer freudig und enthusiastisch waren. (Nein, waren sie nicht. Ich habe sie gefragt. Meine Mutter war genauso genervt, müde und gereizt von unserem Verhalten wie ich es manchmal von Jonas bin. Das ist eben das Privileg des Großelternseins – wenn sie es denn annehmen. Man kann das Kind wieder abgeben. Vorzugsweise wenn die Laune umschlägt.)
Wo ist das Dorf hin, von dem alle immer reden? Das Dorf, welches das Kind groß zieht? In Hannover haben wir es nicht gefunden. Auch wenn meine Schwester, damals selbst schwanger bzw. dann mit eigenem Kind, am anderen Ende Hannovers wohnt. Auch wenn ich irgendwann in einer wöchentlichen Eltern-Kind-Gruppe war. Auch wenn mein Mann, so oft es ging, Home Office gemacht hat. Ich habe mich oft abgeschnitten gefühlt und in den schwierigen Momenten musste ich oft erstmal alleine klarkommen. Nun ist Göttingen auch kein Dorf. Aber es ist eine gewohnte und vertraute Umgebung. Jedenfalls für mich. Mein Mann lässt sich auf etwas Neues ein und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Dass wir erstmal in unmittelbarer Nähe zu meinen Eltern landen, war nicht geplant und hat sich doch als glücklicher Zufall erwiesen. Denn wir konnten als Paar schon alleine ins Kino oder ins Restaurant. Was für ein Luxus! Und es steht ein kostenloser Indoor-Spielplatz, das Wohnzimmer meiner Eltern, zur Verfügung.
Meine Mutter meinte zu mir, aber du hast doch gesagt, du kannst nicht in Göttingen bleiben, weil du hier keine Arbeit findest. Ja das stimmt. Das habe ich gesagt. Vor gut zehn Jahren. Und damals konnte ich auch nicht hier bleiben. Und ja es stimmt, ich habe aus den verschiedensten Gründen hier auch immer noch keinen Job. Also keine bezahlte Arbeit. Und dennoch fühle ich mich in Göttingen zu meiner eigenen Überraschung wohl. Ich stecke zwischendurch immer mal wieder in einem Trauerprozess um Lebensentwürfe, die ich einmal dachte, zu leben. Nicht weil ich mein jetziges Leben nicht will. Sondern weil ich so lange gedacht habe, dass ich als Weltenbummler vagabundiere. There and back again. Von Hannover nach Göttingen. Es ist okay, dass sich Wünsche und Bedürfnisse ändern. Gerade mit Kind. Wie sagt meine Therapeutin: Wer A sagt, kann auch erkennen, dass A nicht mehr passt. Zum Glück gibt es ja noch 25 weitere Buchstaben im Alphabet zum Ausprobieren.
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