Ich auch. Und ein bisschen mehr.

Veröffentlicht am 3. April 2025 um 11:08

Ich möchte dir einfach nur sagen: Ich auch. Ich kenne das Gefühl von völliger Erschöpfung nach schlafloser Nacht. Ich kenne die aufsteigende Wut, wenn man nicht einmal in Ruhe duschen kann. Ich kenne die Angst und Sorge um das Baby, wenn das Fieber steigt, ein Hautausschlag auftritt oder es auf einmal Essen und/oder Trinken verweigert. Ich kenne das warme Gefühl von Freude und Geborgenheit, das durchströmt beim Kinderlachen. Ich kenne die Verwunderung, dass da jetzt tatsächlich ein neues Leben ist, ein neuer Mensch. Und der war auch noch in meinem Bauch?! Ich kenne das bittersüße Gefühl, das hin- und hergerissen sein, wenn die Bodygröße schon wieder zu klein wird und man sich freut über die nächste Phase und trauert um die vorherige Phase. Denn es kommt nie wieder. Ich kenne das Gefühl von Trauer um verpasste Chancen und die Trauer, dass manche Menschen nicht mehr hier sind, um das neue Leben mit dir/euch zu feiern. Ich kenne das Staunen und den Stolz für jede neue Fähigkeit und Charakterbildung. Ich kenne das Erstaunt sein darüber, wie sehr man doch über sich hinauswachsen kann und Dinge einfach tut, wenn es um das Wohl des Kindes geht. Ich kenne die Angst und den Mut, den es braucht, um sich und jemand anderen gegenüber einzugestehen: Ich brauche Hilfe. Oder: Ich bin manchmal so am Ende meiner Kräfte, so genervt, dass ich mein Kind am liebsten an die Wand klatschen würde. Oder: Ich fühle mich wie eine wandelnde Milchbar. Ich brauche Abstand. Und gleichzeitig: Ich fühle mich schlecht, wenn ich nicht bei meinem Kind bin. Weil ich es vermisse. Weil ich – trotz allem und genau deswegen – seine Mama bin.

Ich kenne auch die Scham, eine Mama zu sein. Weil ich es nicht verdient habe. Weil ich es „nicht richtig“ mache. Weil er es bei jemand anderen besser hätte. Weil ich ihm nicht das geben kann, was er doch so dringend braucht: Wärme, Geborgenheit, Liebe. Weil ich diese Dinge weder für mich noch für sonst wen in diesen dunklen Wochen nach der Geburt gespürt habe. Ich kenne eine Verzweiflung und einen Schmerz, der äußerlich nur durch eine zusammengekauerte und schluchzende Körperhaltung sichtbar ist. Einen Schmerz darüber, überhaupt ein Kind, ein Leben in die Welt gebracht zu haben. Weil ich es doch eigentlich hätte besser wissen müssen. Weil ich doch weiß, wie schlimm sich zu leben anfühlen kann. Wie konnte ich das einem Kind antun? Ich weiß doch, wie es sich anfühlen kann, nicht mehr aufwachen zu wollen. Und mit dem vollen Wissen habe ich mich trotzdem dafür entschieden, ein neues Leben in die Welt zu bringen. Ich habe mich dafür entschieden. Jonas hatte kein Mitspracherecht. Wie selbstsüchtig. Wie grausam von mir.

Da sprach die Depression. Mit unendlicher Trauer, Hoffnungslosigkeit, Schmerz, Erbarmungslosigkeit und Scham. Ich habe mich so sehr geschämt. Dafür dass ich diese Gedanken hatte. Dafür dass ich hier saß, weinend, flehend, lautlos aus offenem Mund schreiend, obwohl ich doch ein gesundes Baby vor mir liegen hatte. Dafür dass ich es nicht hinkriegte; nicht hinkriegte wie alle anderen. Denn auch wenn ich hörte, wie andere Mütter von Schwierigkeiten berichteten, so waren ihre Geschichten für mich ein Beweis dafür, dass sie es ja trotzdem schafften. Während ich in einem Abwärtsstrudel hinuntertrieb und auch mein Leben in Frage stellte.

In dieser Zeit war die depressive Stimme präsent. Nichtsdestotrotz gab es auch weiterhin andere Teile von mir. Und es war klar, dass ich nicht aufhören konnte zu atmen. Weil das wollte ich weder meinem Mann noch meinem Baby antun. Das war einerseits eine Erleichterung. Andererseits war damit ein möglicher Ausweg gesperrt, was den depressiven Teil auch verzweifeln ließ. In dieser Zeit war mein Mann immer an meiner Seite. Auch Familie und Freunde wussten um meinen inneren Kampf. Vielleicht nicht immer um das Ausmaß, das ich selbst schwer in Worte fassen konnte. Ich hatte das Glück schon vor der Geburt in therapeutischer Begleitung zu sein und konnte gleich anknüpfen. Zusammen ging es um das Ausloten, ob es eine Form des „Baby-Blues“ ist oder doch in eine postnatale Depression rutscht. Ich bin gerutscht und es hat ein paar Monate gedauert bis ich Anfang Februar 2023 zusammen mit meiner Schwester im Wartezimmer einer Psychiaterin saß. Mit dem Antidepressivum Sertralin konnte ich weiterstillen. Eine große Erleichterung für mich und zu meinem Glück vertrage ich es auch gut. 

Ich habe einige Monate gebraucht, um in die Mutterrolle hineinzuwachsen. Mit dem Sertralin, Gesprächen, dem Frühling und mit der Zeit konnte ich mich und Jonas neu wahrnehmen. Als Jonas sechs Monate alt war, hatte ich viel Freude an ihm und mit acht Monaten war ich zu seiner Mama geworden. Dank Jonas bin ich gewachsen und durfte mutig sein. Die depressive Stimme klopft manchmal noch an und ich erkenne sie, als das, was sie ist: ein Teil von mir, aber nicht mein Leben. Natürlich ist es manchmal immer noch schwer und ich denke, ich schaffe es nicht. Besonders wenn ich nicht genug Schlaf bekomme, darf ich noch behutsamer mit mir umgehen. Ich habe mir von vielen anderen Müttern sagen lassen: Es ist völlig normal, dass man wütend, genervt, erschöpft, überschwänglich, freudig und in Sorge ist. Immer wieder. Und warum auch nicht? Das sind ja alles völlig menschliche Gefühle. Und unsere Kinder leben sie uns gegenüber auch aus. Manchmal intensiver als uns lieb ist… Und ja, man darf sein Kind auch auf den Mond wünschen und gleichzeitig von ganzen Herzen lieben. Oder sich zu wünschen, dass das Kind doch bitte heute früh schlafen geht und gleichzeitig deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Oder sich an die Zeit „davor“ erinnern, an die Reisen und die freien Wochenenden und gleichzeitig wissen, dass das eigene Kind einem so viele neue Perspektiven auf das Leben gibt.

Ich möchte dir sagen: Du bist nicht alleine mit deinen Gefühlen; den angenehmen und beschwingenden sowie mit den kräftezehrenden und unangenehmen. Ich möchte dir sagen: Ich auch.  

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