Ich bin Mama und...?

Veröffentlicht am 5. April 2025 um 08:58

Es hat acht Monate gedauert bis ich mich als Mama gefühlt habe. Und selbst noch heute ist es manchmal merkwürdig, mich als Mama zu sehen. Weil damit meine Mutter so stark assoziiert ist. Und ich habe mich ja gar nicht so sehr verändert. Ich habe keinen Abschluss im Mamasein. Keinen MA.MA. (Fun fact: Eigentlich schon, weil ich zwei Masterabschlüsse gemacht habe…aber die sind nutzlos in meinem jetzigen Alltag.) Ich habe keinen Kurs besucht. Keinen Test bestanden, der mich auf das Mamasein vorbereitet hat und mir schwarz auf weiß bestätigt: Jetzt bist du fertig, du bist jetzt Mama, kannst das und weißt, was du tun musst. Ich wurde einfach ins kalte Wasser geschmissen. So wie alle Frauen, die zum ersten Mal Mama werden. Ich weiß noch, wie ich bei der Entlassung aus dem Krankenhaus dachte: „Was, die geben uns jetzt einfach das Baby mit? Müssten sie nicht sicherstellen, dass wir das können? Dass wir mit einem Baby umgehen können?“

Mittlerweile schallt ein „Mamaaaaa“ lieblich und in voller Lautstärke durch die Zimmer, wenn ich mir doch mal was angucken soll. Ich rede von mir als Mama in dritter Person und ich merke an meinen Prioritäten, dass alles auf meinen Sohn ausgerichtet ist. Mein Tagesablauf, was ich wann machen kann (ob Haushalt oder etwas für mich), Verabredungen, Schlafenszeiten, Urlaubsziele. Alles ist auf Familie ausgerichtet. Das ist zum einen gut und richtig so, denn mit einem freudigen Kind, ist es am entspanntesten für die Eltern. Zum anderen ist es zu einfach, sich darin zu verlieren; im Fokus auf das Kind, Handeln für das Kind, Gedanken um das Kind. Wer bin ich neben der Mutter von Jonas? Gerade in den ersten Monaten und Jahren, wenn Schlafmangel die Tage prägen, ist es schwierig, etwas neben Mamasein zu leben. Jedenfalls habe ich die Erfahrung gemacht, dass am Ende des Tages – und auch mitten am Tag – oft die Energie fehlt, etwas für sich selbst zu machen. Am liebsten habe ich mich einfach nur hingelegt. Da war kein Platz für Kreatives, für Lesen, für Treffen. Denn ich war einfach müde. Und brain dead. Viele Mütter, die ich kenne, also eigentlich alle Mütter, die ich persönlich kenne, haben wieder angefangen zu arbeiten nach ein bis zwei Jahren. Ich bin da eine Ausnahme. Meine letzte Stelle war eine Elternzeitvertretung, die sowieso befristet war und während des Mutterschutzes auslief. Seitdem arbeite ich „nur“ als Mama. Es ist ein Luxus, dass wir uns das für eine gewisse Zeit leisten können. Es ist ein Luxus, dass ich keine Betreuungsprobleme habe, wenn Jonas krank ist und nicht in die Kita kann. Es ist Luxus, dass ich einem Arbeitgeber nicht alle zwei Wochen (diesen Winter wohl eher alle zwei Tage) erklären muss, warum ich wieder krank ausfalle (weil scheinbar mein Immunsystem auch trainiert werden muss…). Es ist Luxus, dass ich mich teilweise mittags kurz hinlegen kann und durchatmen kann, wenn Jonas in der Kita ist. Und ich schäme mich, weil ich „nur“ Mama bin, während doch scheinbar alle anderen zusätzlich noch arbeiten. Wieso habe ich ein Recht, kaputt und erschöpft zu sein? Ich schäme mich, dass ich Jonas in die Kita gebe. Ich hätte doch die Zeit, mich den ganzen Tag um ihn zu kümmern und nehme einen Platz weg. Aber die Wahrheit ist: Es tut mir gut, auch ein paar Stunden ohne ihn zu sein bzw. ich empfinde es als anstrengend, Jonas den ganzen Tag zu bespielen. Ich schäme mich, weil ich doch eigentlich nur Spaß und Freude an meinem Kind haben sollte. Ich schäme mich, weil ich das Gefühl habe, dass ich nichts leiste, gerade im Vergleich zu den arbeitenden Müttern; dass ich nichts habe außer meinem Alltag als Mama habe und das interessiert nun wirklich niemanden.

Ich bin gerne die Mama von Jonas. Ich kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Ich möchte kein anderes Kind statt ihm haben. Jonas Mama zu sein gibt mir einen Sinn im Leben und stürzt mich gleichzeitig in eine Sinnkrise. Ich bin die Mama von Jonas. Und ist da noch mehr?

Offiziell habe ich viele Rollen inne: Ich bin Ehefrau, Tochter, Schwester, Freundin (Nichte, Enkelin…). Ich war noch vieles mehr. Studentin, Referentin, Basketballspielerin, Musizierende, Reisende,… Und darüber habe ich mich lange definiert. Über die Rollen, die doch scheinbar etwas leisten, die bestaunt werden. Mein Ego hat das gefreut, hat das gebraucht. Aus Angst, dass ich sonst langweilig bin; dass mich sonst keiner mag; dass ich sonst keine Berechtigung habe am Leben zu sein. Ich leiste, also bin ich.

Ich leiste auch als Mama von Jonas. Es sind außergewöhnliche Anstrengungen und gleichzeitig das Gewöhnlichste überhaupt. Denn viele Mamas machen das gleiche. Ich sehe meine fellow Mamas, die ihre Kinder durch die Nächste begleiten; die ihre Kinder tragen, obwohl der Rücken es nicht mehr möchte; die ihre eigenen Treffen absagen, um bei ihrem kranken Kind zu sein; die morgens als letzte Person frühstücken und sich anziehen; die ihr Kind auf sich sitzen oder neben sich stehen haben, wenn sie auf Toilette gehen; die ihre eigenen Bedürfnisse oft zurückstellen. Heißt es nun, weil es alle Mamas machen, dass es deswegen nichts Besonderes ist? Oder eigentlich ist es das Außergewöhnlichste überhaupt und wir reden uns als einzelne Mamas ein (und bekommen es teilweise gespiegelt), es ist nichts Besonderes, weil es eben dazugehört? Es ist keine bezahlte Arbeit. Jedenfalls wird es nicht mit einer gängigen Währung entlohnt. Sondern in Windeln, nächtliche Fläschchen oder Stillen, milchdurchtränkte T-Shirts, kleinen Füßen und Händen, herzerwärmendes Lachen, die schönsten Umarmungen, pure Lebensfreude, großen Emotionen, dicken Kullertränen und strahlende Augen, schlaflosen Nächten, gemeinsamen Mittagsschläfchen, Bücher lesen (die gleichen zum x-ten Mal!), Wiederentdecken der eigenen Kindheitsspielsachen, erschöpften Abenden, zu frühem Aufstehen, Ankuscheln und vieles mehr.

Ich bin Mama. Und vieles mehr, was ich manchmal vergesse und was manchmal in den Hintergrund tritt. Ich darf lernen, Frieden zu schließen mit mir und meinen vielen Gesichtern.   

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