Ganz unerwartet und voller Gewissheit kam sie zu mir, die Mutter von Jonas. Sie kam in einen dieser Momente, in denen ich verzweifelt nach einer Antwort suchte, wie ich mich denn jetzt nun verhalten sollte in dem Zweispalt zwischen dem Bedürfnis „ich bin müde und erschöpft, ich kann nicht mehr und brauche eine Pause“ und dem Anspruch „ich will für mein Kind da sein, ihm immer Geborgenheit geben und er soll sich nie alleine fühlen“. Zufällig zum Ende eines Gespräches mit meiner Therapeutin kam sie. Und sie kam in einer Frage zu mir: Was würde die Mutter von Jonas tun?
Ja, ich weiß. Ich bin die Mutter von Jonas. Und auch nicht. Jedenfalls nicht für den Teil, der sich überfordert, beschämt und hoffnungslos fühlte. Dieser Teil war auch nie dazu bestimmt, Mama zu werden und die Verantwortung alleine zu tragen.
Wer oder was ist also die Mutter von Jonas?
Sie ist ein Instrument, das es mir ermöglicht, zurückzutreten und etwas Abstand zu gewinnen zu den tobenden und schwer lastenden Gefühlen des „nicht genug seins“ und „nicht mehr könnens“. Denn auf einmal ist da scheinbar etwas, eine Person, eine Mutter, die mit ihrer Ruhe und Sicherheit weiß, was als Mama zu tun ist.
Sie ist ein Teil von mir. Nein, ich habe keine multiple Persönlichkeitsstörung – und selbst wenn, dann wäre sie trotzdem ein Teil von mir. Wir haben alle verschiedene Anteile, die getriggert werden können und dann den Fahrersitz in unserem Kopf übernehmen. Und auf einmal toben wir wütend durch Büros oder fühlen uns hilflos wie ein Kleinkind oder planen trotzige Rachefeldzüge. Das ist auch weiter nicht schlimm. Jeder hat Muster, auf die das Nervensystem zurückgreift in stressigen Situationen. Es ist dann problematisch, wenn man selbst (oder auch das Umfeld) darunter leidet. Zum Beispiel wenn vielleicht gerade ein kindlicher Anteil die Kontrolle übernommen hat und am Mamasein verzweifelt. Die Mutter von Jonas hingegen ist mein Ruhepol, mein Rückzugsort. Wenn ich an sie denke, dann sehe ich diese schemenhafte, wohl gerundete Frau, mit weit ausgestreckten Armen. Sie ist warmherzig, gnädig und sie umarmt Jonas und auch meinen kleinen Teil schützend. Sie kann so viel und sie weiß vieles, aber nicht alles. Und das ist gar nicht schlimm. Denn auf sie ist Verlass und sie ist geduldig mit ihren Fehlern. Sie fragt nach Hilfe. Für Jonas und vor allem für sich selbst. Denn es braucht eine stabile Mama, damit sie Ressourcen hat, um sich gut im ihr Kind zu kümmern. Und die Mutter von Jonas hat mehr Verständnis für ihre Situation, ist nicht so grausam zu sich selbst, dass sie erst in die Mutterrolle reinwachsen musste. Und so begleitet sie mich und ist da, wenn ich ihr denn den Raum gebe und hinhöre.
An manchen Tagen ist und bleibt es schwer. Weil Mama sein bedeutet, immer wieder mit neuen Situationen und Gefühlsausbrüchen – vom Kind, sich selbst, vom Partner – konfrontiert zu sein und neuen Herausforderungen gegenüber zu stehen; sei es ein Drama darum, wie das Brot oder der Apfel zu schneiden sei oder ein neuer Infekt, der den Haushalt belegt oder die Frage, ob man einen KiTa-Platz für sein Kind bekommt.
Die Mutter von Jonas hat nicht immer die Antwort für mich. Sie hat Raum und Zeit und Geduld, dass ich ratlos, verzweifelt und müde sein darf. Und eigentlich am liebsten, so wie Jonas oft, mich selbst in einem Arm verkriechen möchte und das Außen für einen Moment egal sein kann.
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