Eine Freundin fragt mich: „Lisa, was hätte ich denn tun können? Du hast geteilt, dass es dir schlecht ging, aber ich glaube, ich habe nicht um das Ausmaß gewusst. Was hätte dir geholfen?“
Sie meint die Zeit der postnatalen Depression nach Jonas Geburt. Das ist schwer zu sagen und ist für jeden anders.
Ich habe gebraucht: Ernst genommen werden – nicht dagegen reden und die gut gemeinten Sätze von „Ja, aber…“ weglassen. Denn natürlich wusste ein Teil von mir rational, dass da eine kranke Stimme gerade am Steuer sitzt und dass es anders werden kann. Aber psychische Erkrankungen sind nicht rational. Da sprechen Emotionen wie Angst, Trauer, Scham und Verzweiflung und sie kommen mit so einer Wucht, dass sie alles andere überschwemmen.
Ich habe gebraucht: In den Arm genommen werden. Denn das Leid war groß und auch wenn die depressive Stimme sich gegen mich gerichtet hat, war sie doch hilflos und verzweifelt.
Ich habe gebraucht: Die Geschichten von anderen Müttern, wie auch sie kämpfen und verzweifeln. Das Gefühl von „Ich bin damit nicht alleine. Es liegt nicht an mir.“ Und dennoch, in den schlimmsten Momenten, waren diese Geschichten nur die Bestätigung, dass sie es ja trotzdem irgendwie hingekriegt haben.
Ich habe gebraucht: Die Bestätigung von außen, von „Fachpersonal“, dass ich nicht mehr durchhalten muss; es ertragen muss, sondern Hilfe annehmen kann. Das heißt, es hat mir viel Entschlossenheit gegeben, mit meiner Therapeutin darüber zu reden. Weil ein Teil von mir, meinem Urteil nicht traute.
Ich habe gebraucht: Die Einsicht und ein bisschen Energie, dass ich Hilfe in Form von Medikamenten annehmen kann. Es hat mir geholfen, dass ich mir gesagt habe: Ich mache es für Jonas. Und für mich. Aber es ist meine Verantwortung gegenüber Jonas. Und es hat mir geholfen, dass ich Unterstützung an meiner Seite hatte. Meine Schwester ist zum ersten Termin bei der Psychiaterin mitgekommen. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich im Wartezimmer war. Ich hatte Angst, dass die Psychiaterin sagt, stellen Sie sich nicht so an. Das ist nichts Besonderes. Anderen geht es schlimmer. Das hat sie nicht gesagt. Im Gegenteil.
Bei jeder anderen Person hätte ich natürlich auch viel früher für einen Arzttermin plädiert. Aber bei einem selbst ist es immer am schwierigsten.
Was nicht geholfen hat: Meine Hebamme wusste um meinen Gefühlszustand und hat mir ihren „Notfallplan“ geschildert. Sich selbst Einweisen in eine Klinik. Das war für mich unvorstellbar. Was für ein Kraftakt! Was für ein Eingeständnis! Ich war emotional und vom Antrieb her gar nicht in der Lage solche Sachen zu organisieren. Geschweige denn das sichere Umfeld unserer Wohnung und vor allem meinen Mann zurückzulassen! Das Gespräch hat mir mehr Angst gemacht und ich habe keine Hilfe erfahren.
Nachbarn und Menschen mit älteren Kindern, die einem bei jeder Gelegenheit erzählen: „Ach, das ist ja noch gar nichts! Warte erstmal ab, bis das Kind…. in der Trotzphase ist/ in der Schule ist / in der Pubertät ist / erwachsen ist…. Das sind die wahren Probleme.“ „Kleine Kinder – kleine Probleme. Große Kinder – große Probleme.“ „Ja, bei uns war das ja noch viel schlimmer und damals hatten wir gar nicht die Möglichkeit, es anders zu machen.“ Oder: „Ach wirklich. Nein, das kenne ich nicht. So ging es mir nie.“ Und mein absoluter Liebling: „Ach, warte erstmal ab. Du willst bestimmt noch ein weiteres Kind haben.“ Und das alles in den ersten sechs Monaten, wenn man versucht zu vermitteln, ich ertrinke oder ich gehe auf dem Zahnfleisch oder ich weiß nicht mehr weiter.
Ich habe mich oft gefragt, wie es sein kann, dass sie diese wirklich anstrengenden ersten Monate zwar vielleicht benennen können, aber emotional ganz anders einordnen, als ich es in dieser Zeit getan habe. Auch unabhängig von einer postnatalen Depression. Ich fühlte mich durch solchen Kommentaren klein und beschämt. Und ich war sauer über diese Aussagen. Aber meine Therapeutin hatte recht, als sie fragte, kann es vielleicht sein, dass diese Erfahrungen sich mit der Zeit wandeln, die Intensität „vergessen“ wird und im Vergleich zum Heute einfach verblasst?
Denn mir geht es mittlerweile genauso. Ich weiß noch um diese Zeit. Aber ich spüre den Schmerz nicht mehr so deutlich. Zum Glück! Ein geschickter Schachzug von Mutter Natur. Sonst würde die Menschheit nicht überleben. Ich habe immer gesagt, ich werde das nie vergessen. Auch nicht die Strapazen und Schmerzen der Geburt. Nie, nie wieder. Und jetzt? Ich weiß, wie schlimm es war. Aber die Gefühle dazu kommen nicht mehr mit hoch. Und schon verblasst die Intensität der Erinnerung daran etwas. Ich muss selbst aufpassen, dass ich nicht in die Falle tappe und neuen Eltern einen gut gemeinten Rat mitgeben will oder sarkastisch auf meine jetzige Situation hinweise nach dem Motto: „Ach warte erstmal ab, bis du hier angelangt bist!“ Denn ich weiß auch noch, wie ich mich selbst gefühlt habe und mir eigentlich einfach nur gewünscht habe, dass ich mit meiner Erfahrung als neue Mutter gesehen werde.
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