Mama werden in depressing times

Veröffentlicht am 13. Mai 2025 um 09:31

Es kam schleichend. Wie alle Frauen hatte ich meine Heultage. Sie fingen  am letzten Tag in der Klinik an und wurden begleitet vom Milcheinschuss. Die Anstrengungen der Geburt, der Schlafmangel während der Einleitung und der Tage in der Klinik und natürlich auch während der ersten Wochen zu Hause kamen hinzu. Soweit nichts Besonderes.

Ich habe mich so oft gefragt, was sich die Natur dabei gedacht hat. Zuerst muss die Frau die Schwangerschaft tragen, dann die Geburt meistern und danach geht’s ja erst richtig los! Stillversuche, Schlafversuche, nebenbei noch heilen und die immense Hormonumstellung. Wie sollte es da nicht zu einer vollkommenen Erschöpfung und Verzweiflung kommen?! Das war irgendwie nicht so schlau von Mutter Natur… Ja ja, ich weiß: Aber es ist doch ein Wunder der Natur! Und diese tiefe Bindung und Innigkeit, die die Frauen erleben dürfen! Das heißt aber nicht, dass es nicht hart erarbeitet und bezahlt ist mit Schweiß und Tränen und heftigem Fluchen.

Ich merkte, dass es mir nicht gut ging. Das hatte ich schon erwartet. Gerade durch meine Vorgeschichte. Aber ab wann ist es nicht mehr „normal“? Oder eher: Wie viel musste ich ertragen, bevor ich mir selbst zugestand, dass ich über das durchschnittliche Maß hinaus als junge Mutter Hilfe brauchte? Denn ich habe mir lange Zeit erzählt, dass es mir so geht, weil ich eben dafür anfällig war und dass ich das eh nicht ändern konnte. Dass dies mein Schicksal war. Meine Schuld. Und da war ich schon von der depressiven Stimme umgeben.

Micha wusste von Anfang an, was los ist. Er wusste schon vor Jonas Geburt, schon seit wir zusammengekommen sind, dass mir depressive Episoden nicht fremd sind. Und er hat sie mit gehalten und ist mit mir durchgegangen. Und trotzdem macht die depressive Stimme einsam. Der Kampf und Schmerz in mir ist nicht sichtbar und sie schreit: Es geht nur dir so und es wird nie anders werden. Ich erinnere mich, wie ich meiner Mutter sagte, dass ich es nicht sehe wie alle anderen – dass Jonas süß ist. Ich habe ein Baby gesehen, dass Dinge brauchte und dass besser bei einer anderen Mutter aufgehoben wäre. Und als ich ihr das sagte, hat es mein Herz gebrochen. Denn ich wollte das nicht so fühlen und denken. Ich sollte das nicht so fühlen und denken. Und ich schämte mich. Scham macht einsam. Scham wird genährt von der Einsamkeit und dem Rückzug. Denn so kann sie weiter flüstern oder schreien: Das geht nur dir so. Du bist damit alleine. Keiner versteht es. Alle urteilen und verurteilen.

Es gab einen Moment, wo ich im Schlafzimmer in der Ecke hinter der Gardine saß und lautlos weinte. Micha kam herein und setzte sich zu mir. Ich hörte seine Worte und doch drangen sie nicht durch. Ich hörte sie, aber fühlte nichts. In meinem Kopf schrie es: Nein, du bist keine gute Mutter. Wie kannst du überhaupt eine gute Mutter sein? Wieso hast du ihm – Jonas – das angetan? Alle anderen haben vielleicht auch eine schwierige Zeit, aber sie kriegen es irgendwie trotzdem hin. Nur ich nicht. Es wird nie anders werden.

Ich hatte das große Glück, dass ich schon seit ein paar Jahren eine Therapeutin an meiner Seite habe. (Ich wollte meinen shit aufarbeiten, damit ich ihn nicht an mein Kind weitergebe. Spoiler: Das geht nur bedingt. Aber immerhin weiß ich, um meinen shit.) Und dadurch hatte ich schon ein paar Werkzeuge zur Hand. Wie zum Beispiel, überhaupt zu verbalisieren, dass ich im Dunkeln bin. Oder dass es noch einen Teil gibt, der wusste, dass solche Episoden, die Gefühle, auch wieder weiterziehen. Und dass ich Hilfe brauche, weil ich alleine gegen den Sturm in meinem Kopf nicht ankomme.

Ich bin nicht alleine damit. Baby-Blues, postnatale Depression oder Selbstzweifel - egal in welcher Intensität und Dauer, jede Mutter spürt irgendwann, hier ist meine Grenze erreicht. Ich bin nicht alleine damit. Die Scham und die Schuld sind groß für Mütter, wenn sie denken, dass sie ihrem Kind nicht gerecht werden; dass sie vielleicht nicht ein Leben in die Welt hätten setzen sollen; dass sie versinken in zu viel Emotionen oder Emotionslosigkeit. Ich bin nicht alleine damit. Und zum Glück reden immer mehr Frauen über ihre Erfahrungen. Wir brauchen Mitgefühl, eins ich gegenseitig stützen und keine abschätzenden Urteile, ob das nun der richtige Erziehungsstil ist. Auch wenn wir in unserer Kernfamilie leben und es scheint, als spielten sich die Alltagserlebnisse in diesem Rahmen ab, es gibt universelle Mama-Erfahrungen, die wir teilen. Wir sind nicht alleine damit.

aus: Charlie Mackesy, The Boy, the Mole, the Fox and the Horse

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