[Anmerkung: Es ist schwer über das Thema Geburt zu schreiben, ohne andere Mütter, vor allem werdende Mütter, zu verschrecken. Es heißt, man soll sich mit positiven Geburtsberichten umgeben. Das habe ich damals auch getan. Dies ist keiner. Es ist mein Geburtsbericht und ich will ihn gar nicht bewerten. Er beinhaltet allerdings Schmerz und Hilflosigkeit.]
Ich habe gerade den Geburtsbericht angefordert. Von mehreren Seiten wurde ich auf die Möglichkeit hingewiesen und nicht zuletzt die Erfahrung einer anderen Mama, der es vor der Entbindung ihres zweiten Kindes geholfen hat, haben mich überzeugt. Ich mache das jetzt auch. Obwohl ein Teil von mir das Kapitel eigentlich einfach abschließen will. Und gehofft hat, dass das doch mittlerweile alles aufgebarbeitet sein müsste.
Aber von vorne… Ich stelle mir vor, dass der Geburtsbericht ungefähr wie folgt klingt:
„Geburtseinleitung mit Tabletten am Samstagmorgen. Gabe alle 4-5 Stunden. Ab 16 Uhr erste Wehentätigkeit. Weitere Gabe. Verstärkte Wehentätigkeit über den Abend. [Anmerkung von mir: ab 18 Uhr musste Micha aus dem Krankenhaus, da es durch Corona noch enge Besuchszeiten gab. Auch eine Betreuung im Kreißsaal mit Partner*in ging erst ab einem gewissen Punkt in der Geburt.] Patientin kam regelmäßig zum CTG, berichtete über Wehenschmerzen, wurde wieder auf das Stationszimmer geschickt, da Einleitungsphase noch im Anfangsstadium war. Blasensprung beim CTG um 4 Uhr nachts, danach Betreuung im Kreißsaal. Partner kam gegen 5 Uhr dazu. Wehentätigkeit den gesamten Sonntagvormittag. Früher Nachmittag Gabe eines Schmerzmittels. Nach kurzer Zeit auf Wunsch der Patientin abgesetzt, da Schwindel und Erbrechen. Erste PDA gelegt. Wirkte nur einseitig. Wehentropf angeschlossen. PDA nochmals korrigiert. Keine Wirkung. Eine zweite PDA gelegt, auch ohne Wirkung. Bei Untersuchung während Wehentätigkeit wurde festgestellt, dass der Kopf nicht auf den Muttermund drückt. Sonntagabend Muttermund 4-5 cm offen. Patientin klagt über große Schmerzen, auch ein Wechsel der Stellung erleichtert nicht. Wiederholte Nachfrage nach der Ärztin für Besprechung weiteres Vorgehen durch Patientin und Partner. Patientin mit großen Schmerzen. Sonntagnacht Muttermund 6-7 cm offen. Es wird Geburtsstillstand in der Eröffnungsphase festgestellt und eine sectio vorbereitet. Geburt um 0:22 Uhr am Montagmorgen.“
Der Bericht wird nicht umfassen, was danach passiert ist. Verlegung mit Krankentransport in eine andere Stadt, da es dort eine Säuglingsintensivstation gibt. Jonas konnte die ersten Tage seinen Blutzuckerspiegel nicht halten. Im neuen Krankenhaus im 6-Bett-Zimmer für vier Tage, alle 3-4 Stunden zur Intensivstation laufen (wohl bemerkt mit frischer Kaiserschnittnarbe!) und Jonas anlegen und wickeln. Keine Möglichkeit zum Schlafen oder richtig Essen. Micha hat sich für die Tage ein Hotelzimmer genommen. Auch hier wieder Coronamaßnahmen, wodurch seine Besuchszeiten eingeschränkt waren.
Und so kam ich vollkommen erschöpft an einem Donnerstagabend nach Hause. Nein, nicht erschöpft, ich war ein Häufchen Elend. Ich konnte nicht mehr. Körperlich, geistig, ich hatte den Milcheinschuss und damit auch die berühmten Heultage. Und ein Neugeborenes, dass die erste Nacht vollkommen verstört im neuen Zuhause war. Von da an ging es weiter bergab. Es hat Monate gedauert und nicht zuletzt auch Medikamente, damit ich mich von diesen Erlebnissen erhole.
Und die Trauer ist immer noch da. Es kam alles so anders, als ich es erhofft, gewünscht und im Kopf durchgespielt hatte. Ich weiß, es gibt keine Garantien. Und dennoch wiegt es schwer: Ich trauere, um ein Erlebnis, aus dem ich hätte stolz und gestärkt hervorgehen können. Wo ich gedacht hätte: „Wow, das habe ich geschafft! Ich wurde belohnt für all die Arbeit, die Vorbereitungen und meinen Mut!“ Und ich habe mich vorbereitet. Denn ich wollte um jeden Preis eines vermeiden: Anderen Menschen ausgeliefert zu sein und nichts machen zu können. Und genau das ist passiert. Ich bin sauer auf das Fachpersonal, dass mich im Stich gelassen hat. Während der Geburt wurde mein Wunsch, mein Bitten nach einem Kaiserschnitt lange ignoriert. Stattdessen wurde ich schreiend und hilflos einem Prozess überlassen, der nicht weiterging. Es waren schreckliche Stunden dort in dem Kreißsaal auf allen Vieren, immer nahe daran, zusammenzuklappen. Der Kaiserschnitt war eine Erlösung und ich bin dankbar, dass ich noch den Augenblick vor Augen habe, als ich Jonas zum ersten Mal gesehen habe. Ich lag ruhig und selig (wahrscheinlich auch durch die Medikamente) auf der OP-Liege und konnte nur staunen. Und ich dachte: Zum Glück ist es vorbei. Ohne Micha hätte ich es nicht geschafft. Und dennoch war ich mit den Schmerzen und der Ohnmacht in meinem Körper alleine. Auch im Nachgang im Wochenbett. Was bei mir in den ersten Tagen ja vielmehr im Umherlaufen, halb gebückt durch die frische OP, und Erwartungen erfüllen, bestand. Die Erwartung: Ich muss doch jetzt für mein Baby da sein. Und ja, es ist eine berechtigte Erwartung! Es war nur niemand für mich da, der mich dabei gestützt hat. Also wortwörtlich: Micha durfte nur stundenweise da sein und so quälte ich mich mit frischer Bauchwunde aus dem Bett, schob einen Rollstuhl vor mir her, um Jonas auf Intensivstation zu versorgen. Nach 1-2 Stunden wieder zurück, weil er ja an den Tropf angeschlossen werden musste. Dann hatte ich noch eine Stunde, bis ich wieder erwartet wurde; bis mein Kind mich brauchte. Und er hätte eigentlich so viel mehr gebraucht: Er hätte Haut auf Haut, Umarmungen, Nähe, friedliches Schlafen auf der Brust gebraucht – statt blinkender Apparate, sterile Umgebung, fremde Gesichter zu jeder neuen Schicht. Und so kamen die Schuldgefühle hinzu. Denn ich wusste das alles. Und gleichzeitig konnte ich es nicht geben und um ehrlich zu sein: ich wollte es gar nicht geben. Ich wollte einfach nur weg. Raus aus dem Körper, raus dem Krankenhaus, raus aus den Gefühlen. Ich wollte mich in einer Ecke zusammenkauern und weinen. Ich wollte selbst im Arm gehalten werden, getröstet werden. Wie sollte ich Fürsorge geben, wenn ich sie für mich nicht hatte?
Die Bilder und vor allem die Gefühle haben sich im Laufe der Zeit verändert. Ich sehe die Szenen noch vor mir, aber ich werde nicht mehr unmittelbar von den damaligen Gefühlen dazu überflutet. Mit der zweiten Schwangerschaft rückt das Thema Geburt, Wochenbett und auch die ersten Monate in den Fokus. Ich merke, dass der Schmerz und die Trauer noch da sind. Und dass da auch Angst und Sorge vor dem nächsten Mal ist. Vor der Entbindung, aber auch der Zeit danach. Wird es mir wieder so schlecht gehen? Wird es wie bei Jonas sein? Wie weit habe ich das Erlebte verarbeitet und aufgearbeitet? Und was heißt denn aufgearbeitet eigentlich? Dass man gar nicht mehr daran denkt? Dass es einem egal wird? Dass man mit fröhlichen Gefühlen daran zurückdenkt? Heißt aufgebarbeitet nicht einfach, dass es immer weh tun wird, ein Leben lang. Nur dass es mich dann nicht mehr umhaut, sondern ich mit der Trauer und dem Schmerz sitzen kann. Ohne davon überschwemmt zu werden. Es ist Teil meiner Geschichte, unserer Geschichte – von Jonas und mir. So wie wahrscheinlich alle Menschen ihre einschneidenden Erlebnisse und Traumata haben. Sie sind Teil von uns. Die Frage ist nur: Gehören sie zu uns oder gehören wir ihnen? Können wir sie als Teil annehmen mit allem was dazugehört (Und dazu gehört, dass man es immer mal wieder fühlt…die Schwere, die Trauer, die Wut, den Schmerz, die Ohnmacht, das Entsetzen)? Oder vergraben wir sie und sie bahnen sich unkontrolliert ihren Weg ins Freie? Es gibt keinen richtigen Weg. Es gibt auch (leider!) keinen gradlinigen Weg. Das einzige, was ich weiß ist, dass es Zeit braucht (auch leider..!). Und dass etwas kognitiv zu verstehen nicht bedeutet, dass sich die Gefühle und Körperreaktionen automatisch verändern. Der Kopf kann verstehen, aber nicht heilen; jedenfalls nicht alleine. Dazu braucht es unseren ganzen Körper mitsamt dem Gefühlschaos und allen Empfindungen.
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