Der Kern

Veröffentlicht am 20. August 2025 um 09:12

Ich erfahre Trennung in Bindung. Ich erfahre die größte Angst vor Trennung in der engsten Bindung.

Bindung war für mich verbunden mit etwas Skepsis gegenüber meinen gespeicherten Mustern – Angst vor dem Einlassen, Hingeben, sich fallen lassen – und Neugier und Erregung auf das neue Gefühl. Entgegen meiner Sorgen, Zweifeln und Ängsten bringt die Verbindlichkeit von Bindung die Erleichterung über das Gesehen werden. In fester, ernst gemeinter, sicher getragener Bindung halte ich keine Mauern aufrecht. Im Gegenteil; ich lasse sie einstürzen. Denn jede meiner beschämenden Teile sieht er liebevoll an und hat sie mir bereits vergeben, bevor ich sie offenbarte. Denn für mein Gegenüber ist meine größte Scham ein funkelnder Teil von mir, den es nicht zu vergeben, sondern zu feiern gilt. Alles, was ich am liebsten in die Dunkelheit verbannen möchte, hält er aus und nimmt sie in Umarmung mit ins Licht.

Bindung ist anstrengend und fordernd: Kann ich es aushalten, ungeschminkt, nackt, mit allen Ecken und Kanten gesehen zu werden? Es gibt keine Garantie ausgezeichnet mit einem Gütesiegel für die nächsten 30 Jahre. Es gibt etwas Besseres: Die täglich verbindliche Zusage – jeden Tag aufs Neue erneuert und gelebt. Sich in Dankbarkeit und Demut vor den anderen stellen und sich immer wieder hingeben mit der Zusage: „Ich bin hier“. Das erfordert Mut, Kraft und gibt so viel Energie. Sich in einer Beziehung zu zeigen, erfordert Mut, Kraft und macht einen so viel größer, wenn man auch den Schatten, die Dunkelheit, als das eigene anerkennt und es als solches anerkannt wird. Die Verbindlichkeit in Bindung besteht nicht in einem einmalig gesprochenem Wort, einem einmalig gegebenem Versprechen oder einer Geste, sondern in stetig erneuerten Worten und Gesten. Verbindlichkeit ist kein Zustand. Verbindlichkeit ist ein Verb, es muss gelebt werden.

Doch bleibt auch Trennung in all der Bindung. Denn wir sind an unsere Körper gebunden und in diesen Körpern erleben, sehen, fühlen wir. Und selbst wenn wir die gleichen Begriffe benutzen, ist das Gefühl, das Erlebte doch immer subjektiv.

Und es schwingt die Gefahr mit, dass mein Gegenüber sich eines Tages nicht mehr für die Bindung mit mir entscheidet. Dass das Leben, vielleicht nur ein Moment, ein Vertrauensverlust, entzweit. Und der Schmerz ist groß, wenn nur eine Seite diese Entfremdung spürt, die Bindung auflöst. Denn wir können niemanden zu Gefühlen zwingen. Noch nicht einmal uns selbst. Und so hoffe ich, dass noch viele Jahre vergehen in Verbundenheit. Mit Lachen, Kuscheln, Beisammensitzen, Genießen, Weinen und Wachsen. Natürlich auch mit Tagen oder Wochen, wo es mehr der Alltag ist, der zusammenhält. Und dann wieder mit Erlebnissen, die die Vertrautheit entfachen und die mir zeigen, wir gehören zusammen. Wir sind Familie. Ich liebe euch.

 

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