Die Anspannung fiel ab am Tag als wir wieder nach Hause kamen. Jonas war bei Oma und Opa und spielte schon freudig mit seinem Cousin. Ich packte die Kliniktasche aus und es kamen die Tränen. Auf einmal schüttelte es mich und ich ließ sie einfach laufen.
Jetzt war ja alles wieder gut. Alles gut. Und mein Körper konnte abschalten, nicht mehr den Funktionsmodus bedienen, sondern das aufgestaute Adrenalin und Cortisol rauslassen. In einem Bach an Tränen. Sie kamen am nächsten Abend noch einmal wieder. Auch als Jonas unterwegs war und ich einen ruhigen Moment mit Micha hatte. Danach bin ich wieder hier angekommen im Alltag, bei uns zu Hause.
Wir waren nicht lange im Krankenhaus. Nur zwei Nächte. Und wir wurden wunderbar versorgt und Jonas war zum Teil geduldiger als ich. Und trotzdem war es ein Schnitt, rausgerissen aus der gewohnten Umgebung und für Jonas auch aus seinem Schlaf. Denn als er abends aufwachte, bellend hustete und keine Luft bekam, wussten wir schon, dass er einen Pseudokrupp-Anfall hatte. So etwas hatten wir schon erlebt als er ein Jahr alt gewesen war. Also griffen wir erstmal auf die Empfehlungen zurück. Wir stellten uns 15 Minuten vor den Kühlschrank, dann vor das Fenster. Es wurde nicht besser und mein Kind weinte, wollte eigentlich schlafen, bekam keine Luft und schaute mich hilfesuchend von Michas Arm aus an. Das war einer dieser Momente, wo ich die Verantwortung Eltern zu sein so deutlich gespürt habe. Er war von uns abhängig. Ich rief den Notarzt. Es war die richtige Entscheidung versicherten mir die fünf Helfenden, die mit Blaulicht vorfuhren. (Anmerkung: Es ist so blöd, aber ich hatte im ersten Moment, die Berichte in meinem Kopf, wie Leute ohne richtigen Grund den Notarzt rufen, Notaufnahmen verstopfen und das Personal überlasten…) Für uns ging es nach Kortisonzäpfchen und Inhalation von Adrenalin mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus. Jonas in seinem tollen Feuerwehrschlafanzug, für den er jede Menge Lob und Anerkennung von allen Seiten bekam. Ich in meinem Bambischlafanzug, den keiner zur Kenntnis nahm – oder sie sahen vielleicht absichtlich darüber hinweg. Wir blieben noch den Tag und eine weitere Nacht zur Beobachtung und hatten das Glück, alleine auf dem Zimmer zu sein. Micha war tagsüber da und Jonas konnte sogar wieder bei sonnigem Herbstwetter auf dem dortigen Spielplatz spielen. Wie heißt es doch, alles in allem: Glück im Unglück? Ja, das stimmt, wenn man bedenkt, was für weitere Schicksale parallel in einem Krankenhaus ihren Lauf nehmen. Und es ist nichts, was ich anderen wünsche. Diese Momente, in denen man entscheiden muss, was machen wir jetzt? Was ist das richtige? Ich weiß noch, wie ich ganz präsent war, natürlich auch in Sorge und voller Angst, aber vor allem funktionierend. Verantwortung übernehmen, handeln, statt in Starre zu verfallen. Und das ist nicht einfach in einer Notsituation. Vor allem wenn es um das eigene Kind geht.
Ich habe mich dabei ertappt, wie im Nachgang im Krankenhaus Gedanken wie Hätte ich den Notarzt früher rufen müssen? Hätte ich etwas bemerken müssen? hochkommen wollten. Die Antwort lautet nein. Und selbst wenn – im Nachgang, wenn man weiß, was noch passiert, ist man immer klüger und kann man Abstand „richtig“ entscheiden. Ich weiß auch noch, dass ich dachte Und wir bekommen noch ein zweites Kind, dem auch so viel zustoßen kann. Wie soll ich das aushalten? Wie kann ich sie beschützen? Gar nicht, jedenfalls nicht vor allem. Leben ist fragil. In der Entstehung, im Bauch und ein Leben lang. Und das auszuhalten, zu wissen und sich trotzdem einzulassen, Leben in die Welt zu bringen und die Verantwortung als Eltern dafür zu übernehmen und dann aber auch loszulassen in dem Wissen, dass wir Leben nicht steuern und kontrollieren können – das ist eine wahre Kunst und erfordert Mut. Es gibt keine Garantie. Weder für mich noch für meine Kinder. Außer dass ihr Leben Freude und Trauer, Stärke und Krankheit beinhaltet. Und ganz viel Liebe.
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