Neulich im Café

Veröffentlicht am 28. Oktober 2025 um 10:49

Ich war mal genauso wie sie. Überzeugt davon, dass meine Aufsätze, meine Arbeit und Ideen wichtig sind. Dass ich am Puls der Zeit bin; etwas bewegen kann. Dass es wichtig ist. Dass ich und mein Beitrag wichtig sind. Das Gefühl, die Welt steht mir offen und ich habe die Möglichkeit mitzugestalten. Auf ganz großer Bühne. Andere, neue Wege als meine Eltern gehen. Das beschauliche Göttingen hinter mir lassen und doch als Anlaufpunkt zu haben.

Die Ignoranz und das Privileg der Jugend. Ignorant gegenüber dem Leben und all den Facetten menschlicher Erfahrungen, die so viele im Alltag an den Rand des Überlebens drängen. Privilegiert – ich sowieso, aus einem Elternhaus, das Interessen förderte und Bildung an erste Stelle stellte. So stand mir der Weg an der Universität offen. Als erste aus meiner Familie.

Die beiden Mädchen, Anfang 20 und dennoch Mädchen, haben mir an diesem Morgen den Spiegel vorgehalten. Zunächst belächelte ich ihr Gespräch über ihre Bachelor-Arbeit in Psychologie. Als ob es wirklich wichtig ist, ob die eine Grafik nun im Text, als Fußnote oder im Anhang ihren Platz findet. Und all die englischen Begriffe, weil man ja so international unterwegs ist und einem ja die deutschen Wörter nicht einfallen („Du wirkst heute so sophisticated.“, „Ich war heute morgen schon so proud of myself.“) Und dann dieser gefühlte Stress, weil man ja noch an einem Referat arbeiten muss und die Deadline für die Bachelor-Arbeit in zwei Wochen ist und man doch noch alles formatieren muss. Ich belächelte sie und fiel dann ganz unsanft von meinem hohen Ross.

Ich war genauso, ganz genauso wie sie gewesen. Ich kam mir wichtig vor, am Puls der Zeit mit meinen Studienschwerpunkten zu Terrorismus und Friedensforschung. Und für Außenstehende wirkte mein Leben endlich abenteuerlich und bewundernswert. (Das erzählte mir jedenfalls ein Teil von mir.) Im Ausland leben, reisen, international arbeiten wollen. Und ja, es war auch abenteuerlich und aus heutiger Sicht bewundere ich auch meinen Mut und mein Durchhaltevermögen an den unterschiedlichen Orten immer wieder neu angefangen zu haben. Denn es war auch einfach anstrengend und ich habe mich oft klein, verloren und einsam gefühlt. Nicht wissend, wozu ich das alles mache; unsicher wo es für mich im Leben hingeht, was „das richtige“ ist, ob es für mich überhaupt einen Platz gibt. Rastlosigkeit hat ihren Preis. Oder: Man nimmt seine Päckchen überall mit hin. Auch ans andere Ende der Welt.

Was ist geblieben aus diesen Jahren? Eine Menge Fotos und Fotoalben. Diverse Geschichten. Bekanntschaften und Freunde. Ein abgelaufener Reisepass mit vielen bunten Stempeln. Und eine Kiste mit schweren Ordnern aus dem Studium und ich muss mal wieder entscheiden, ob ich den mitnehme oder alles wegschmeiße. Denn mit den Inhalten dieser Ordner hat mein Leben längst nichts mehr zu tun. Geblieben bin ich. Irgendwie ganz anders als mit Anfang 20. Und dennoch bin ich keine komplett andere Person. Ich habe alte Rollen abgelegt und neue Rollen dazubekommen. Ich vermisse den Idealismus, der mich antrieb. Meine Träume und Wünsche. Ich freue mich, dass ich heute angekommen bin. „Sesshaft“ werden war so lange eine Horrorvorstellung für mich. Und jetzt gibt es mir die Sicherheit, mich nochmal, wieder neu zu entdecken. Als Mama, als Partnerin und als Lisa, die niemandem etwas beweisen muss.

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