Es passiert wieder häufiger. Ich finde mich in Situationen wieder, in denen ich „alle anderen“ verfluche, weil ich mich ja „doch nur auf mich verlassen kann“ und mich gleichzeitig allein gelassen, nicht gesehen und klein fühle.
Und ich komme in dieses Gefühlschaos, weil ich nicht deutlich kommuniziere, was ich eigentlich brauche und möchte. Stattdessen umschreibe ich, frage nicht direkt, tue meine Anfrage ab und bin dann aber doch sauer, dass mein Gegenüber nicht merkt, dass ich doch eigentlich ein anderes Bedürfnis habe. Klingt unlogisch und unfair, ist aber so.
Bei mir stellt sich dann ein Mix ein aus einerseits Trotz und Sturheit – „pah, dann muss ich das eben alleine schaffen“ – und andererseits aus Verzweiflung und Hilflosigkeit ein – „ich schaffe das nicht, habe nicht die nötige Kraft und bin allein gelassen“. Dieses Spiel kenne ich schon. Und in letzter Zeit wird es mir schon in der Situation bewusst. Und ich kann diesen Automatismus in vielen Fällen trotzdem nicht abstellen. In der Situation merke ich, welche Stimmen da sind und was da gerade passiert und dass ich eigentlich am besten einmal formulieren sollte, was ich jetzt brauche. Die Stimme des Stolzes, des Trotzes und zu einem gewissen Grad auch die Genugtuung darüber „mal wieder“ bestätigt zu bekommen, dass ich mich doch auf niemanden verlassen kann, waren allerdings so stark, dass ich in meinem Muster geblieben bin. Und so setzen nach dem Trotz die Tränen ein, versteckt auf der Toilette im Badezimmer. Und natürlich das obligatorische „und jetzt zusammenreißen!“ und so tun, als wenn nichts wäre. Das gelingt allerdings auch nicht so häufig, weil natürlich was ist und über kurz oder lang mein Gegenüber das merkt.
Ich war mit Jonas zu Besuch in Hannover bei meiner Schwester und meinem Neffen. Es schüttete und wir mussten uns auf dem Weg zum Bahnhof machen für die Rückreise mit dem Zug. Der Austausch mit Micha, der zu Hause geblieben war, zeigte: er war über Nacht krank geworden und lag noch ihm Bett. Ich hatte keine gute Nacht mit Jonas hinter mir, war ebenfalls stark erkältet und hatte die Aussicht pitschnass und eine Zugfahrt später in Göttingen noch nach Hause laufen zu müssen. Oder eben nicht. Denn Micha hatte ja im Vorfeld gesagt, dass er uns abholen würde. Doch mit der Info, dass er krank war, fragte ich nicht noch einmal direkt nach. Auf meine Bedenken hinsichtlich des Wetters schrieb er, wir könnten ja auch Bus fahren. Das machte mich wütend, denn warum verstand er nicht, dass ich vollkommen erschöpft war, mit Kleinkind unterwegs, in der 25. Schwangerschaftswoche und Regengebiet über meinem Kopf? Er verstand es nicht, weil ich es nicht so gesagt hatte. In dem Moment wusste ich, dass ich es einfach deutlich sagen musste. Stattdessen übernahm der Trotz: Nein, ich schaffe das schon alleine. So wie „immer“. Die Tränen flossen im Badezimmer meiner Schwester kurz bevor wir aufbrachen. Und ich ergab mich eher stumpf fühlend, mit Jonas an der Hand und Rucksack auf dem Rücken meinem Schicksal.
Das Ende vom Lied war, dass meine Eltern uns vom Bahnhof mit dem Auto abholten – sie hatten es von alleine angeboten, Micha tatsächlich mit Fieber im Bett lag, wir gar nicht pitschnass geworden sind auf dem Weg zum Bahnhof und ich mir dennoch den schweren Weg ausgesucht hatte. Eben jenen Weg, der bestimmte Glaubenssätze und Verhaltensmuster bestätigte.
Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich dieses Muster durchsetzt. Selbst wenn ich schon währenddessen erkenne, dass es gerade passiert. Immerhin merke ich schon währenddessen, dass es passiert. Und ich verfluche mich auch nicht (mehr!) selbst, wenn ich trotzdem noch danach handele. Für mich sind es so vermeintliche Kleinigkeiten, die meinen dorsalen Vagus aktivieren. Und schwups wird die Abwärtsspirale eingeschaltet. Und die Welt, mein Gegenüber, weiß nichts davon. Weil die Kommunikation nicht mit ihm, sondern zwischen meinen Teilen stattfindet. Die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen, danach fragen – natürlich auch mit einem „nein“ klarkommen! – und nicht automatisch die der anderen vor die eigenen zu stellen, das darf ich lernen. Und insbesondere mit Kind ist das ein Drahtseilakt. Denn es stimmt ja auch irgendwie: Wenn die Bedürfnisse des Kindes gestillt ist – aka es ist zufrieden und hat alles, was es braucht – dann sind auch die Eltern zufrieden (weil man kein weinendes, nölendes oder schlecht gelauntes Kind vor sich hat). Und dennoch stehen die Bedürfnisse der Eltern oft genug diametral gegenüber zu denen des Kindes. Zum Beispiel das Bedürfnis nach Pause, Ruhe, seinem eigenen Körper und der Aussicht darauf nicht fünf Tage hintereinander Nudeln mit Soße zu essen. Und es ist lieb, dass du mir ein Lied vorsingst, aber um 4 Uhr morgens würde ich dann doch lieber schlafen.
Zum Glück gibt es auch Situationen, in denen ich mich bewusst dafür entscheide, nach der Umsetzung meiner Bedürfnisse zu fragen. Auch wenn die Angst mitschwingt, meinem Gegenüber jetzt Mehraufwand zu bereiten, weil ich natürlich genau zu wissen glaube, was das Bedürfnis meines Gegenübers ist und was ihm/ihr am besten passt. Und siehe da, es funktioniert. Weil es dann ein hin und her gibt und man schließlich zu einem Kompromiss kommt, der beiden Seiten passt. Ich weiß, eigentlich nichts Neues. Und trotzdem ist es manchmal so, wie ganz neue Wege gehen.
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