„Ich habe es nicht geschafft, einkaufen zu gehen. Dabei ist es doch kein großer Umweg. Ich konnte nur ganz langsam gehen, weil mein Rücken so weh tat und alles so nach unten gedrückt hat.“ Es ist kurz nach halb 10 Uhr, ich sitze auf der Bank im Flur, noch halb angezogen, gegen Michas Bauch gelehnt und weine.
Ich habe Jonas gerade zur KiTa gebracht, auf der Hälfte des Rückweges festgestellt, dass ich meine Brille oben auf der Ablage bei seinem Fach vergessen hatte – also nochmal zurück, und habe es im Schneckentempo nach Hause geschafft. Das ist aber auch alles, was ich „geschafft“ habe, dröhnt es in meinem Kopf. Den kleinen Einkauf, den ich mir vorgenommen habe, nicht mehr. Micha bietet sofort an, dass er losgeht. Das braucht er ja gar nicht. Denn es ist überhaupt nichts Wichtiges auf der Einkaufsliste. In meinem Kopf dreht sich ein anderes Karussell:
„Du hast es nicht geschafft. Dabei schaffen es andere doch auch! Auch wenn deine Schwangerschaft nächste Woche vorbei ist, könnte sie theoretisch ja noch viel länger gehen – sogar noch über drei Wochen! Also warum schaffst du es jetzt schon nicht mehr? Liegt an daran, dass dein Bauch so groß ist? Warum hast du so einen großen Bauch? Doch zu viel gegessen und schon mit viel zu viel Gewicht in die Schwangerschaft gestartet. Du bist einfach übergewichtig. Denk doch mal an die andere Mutter aus der KiTa, die ihre Kinder auch bis zum letzten Tag hingebracht hat.“
Aha, da waren sie also wieder. Meine kleinen Teile, die abwechselnd entweder verzweifelt, gehässig oder anklagend auftreten. Und natürlich die Triggerpunkte Vergleich und Körper. Selbst als schwangere Frau in der 38. Woche scheint ein Teil von mir, Angst zu haben, dass ich zu dick bin. Also es stimmt: Ich habe einen großen Bauch. Da ist ja auch ein Baby drin. Ein gesundes Baby, was das eigentliche Glück ist. Und natürlich ist dieser Teil auch schon während der verschiedenen Schwangerschaftsphasen gefüttert worden mit Kommentaren wie „oh, ich dachte, du wärst schon weiter“ oder „ach, es kommt ja wohl ganz bald (ich = 30. Woche)“. Und trotzdem weiß ich, weiß die Mutter von Jonas, es besser. Mein Körper, der mit Ende 30, eine zweite Schwangerschaft meistert und dass ohne Komplikationen oder großen Beschwerden, das ist eine grandiose Leistung. Das habe ich geschafft. Bis hierher in die 38. Woche. So lange trage ich die kleine Maus schon mit mir rum. Sie ist überall dabei. Ablegen kann ich sie nicht, will ich auch gar nicht. Es wird nun beschwerlicher. Lange Strecken laufen, merke ich im Rücken. Es drückt und zieht nach unten. Zwischendurch noch Übungswehen. Alles wie es sein soll oder kann. Und ja, andere schaffen noch ganz andere Dinge in der 40. Woche. Und manche Frauen entbinden ihr Baby weit vor dem errechneten Termin. Nicht weil sie es nicht weiter geschafft haben, sondern weil wir über manche – eigentlich relativ viele – Dinge, keine Kontrolle haben.
Worüber ich, die Mutter von Jonas, Kontrolle habe ist, wie ich mit mir selbst rede; welche Teile das Steuer übernehmen dürfen – oder eben nicht, und wie ich mit den Ängsten, die hinter all den Teilen stehen, umgehen lerne. Gerade in diesen letzten Tagen der Schwangerschaft darf ich nochmal – wieder – erneut lernen, dass es okay ist, mal „nichts zu leisten“. Oder eher: Das eben nicht alles, was man sich vornimmt, auch so eintritt und ich auf dem Sofa mit hochgelegten Beinen liegen darf. Weil ich damit für mich und das Baby sorge. Weil es okay ist, abzugeben. Weil ich nicht alles alleine „schaffen“ muss. Und ich merke schon jetzt: Es ist ein langer Weg und es braucht viele Erinnerungen daran. Auch und vor allem wenn die kleine Maus bei uns ankommt.
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