Scham

Veröffentlicht am 13. Mai 2026 um 14:00

Ich schäme mich. Das ist nicht ungewöhnlich, denn Scham ist eine grundlegende Emotion, die jeder Mensch kennt. Und Scham ist eine starke Emotion. Sie ist, evolutionär gesehen, nützlich, damit wir uns in einer Gruppe zu einem gewissen Maß anpassen und dadurch als Gruppe bestehen und überleben können. Allerdings kann sie auch sehr destruktiv sein. Denn andere beschämen, sich beschämt fühlen – das grenzt ab und es grenzt aus. Scham erzählt uns, dass wir die einzigen sind, die „das nicht können/nicht richtig aussehen/die falsche Kleidung anhaben/nichts auf die Reihe bekommen/immer noch nicht wissen, wie etwas geht/Hilfe brauchen/…“. Scham isoliert und macht einsam. In unserem Kopf und in unserem Körper. Und gegebenenfalls auch im sozialen Kontext, wenn Scham als Mittel für Erziehung oder Zurechtweisung oder einfach als Machtdemonstration gebraucht wird.

Aber zurück zum Anfang: Ich schäme mich. Für viele Dinge. Eines belastet mich sehr. Ich schäme mich, weil ich schwitze. Schon klar, das tut jeder Mensch – es sei denn man hat diese Krankheit, bei der man nicht schwitzen kann, was auch wiederum gefährlich für den Körper ist. Ich schwitze aber über die Maße. Schon immer und immer mehr. Ich habe schon in der 10. Klasse angefangen scherzhaft zu sagen, ich sei in den Wechseljahren. Aber Humor hilft nur vordergründig gegen die Blicke, oder scheinbaren Blicke, und den Ekel, oder den scheinbaren Ekel, der anderen. „Ich dachte, jeder schwitzt ein bisschen.“ Es gab diesen Werbespot von einem Deodoranthersteller, bei dem der Mann den Arm hebt und es spritzt horizontal der Schweiß weg. (Kennt ihr nicht, googelt den mal..ist tatsächlich ganz witzig.) Bei mir spritzt nichts. Bei mir fließt es. Nicht wie ein ruhiges stetiges Gewässer, das Plätschern eines kleinen Bächleins. Nein, es laufen Fälle mein Gesicht herunter. Ich weiß schon seit geraumer Zeit, wofür es Augenbrauen gibt und selbst die halten nicht alles ab. Ich schwitze nicht nur im Sommer, sondern einfach immer. Am schlimmsten ist es, wenn ich stehen bleibe und zur Ruhe komme. Dann geht es erst so richtig los. Und jetzt, mit dem Stillen, kriege ich auch zwischendurch einfach so Schweißausbrüche.

Ihr denkt vielleicht: Naja, dann schwitzt sie eben ein bisschen. Erstens, es ist schon ein bisschen mehr. Und zweitens, ist es mir so peinlich und unangenehm, dass ich mich zum postnatalen Yoga zwingen muss, weil ich schon bei der Ankunft durchnässt bin und während alle anderen ganz lässig die Übungen machen, ist mein Gesicht schon wieder nass. Dann fängt es an: „Oh man, gucken die anderen? Haben sie gesehen, wie ich versuche unauffällig den Schweiß wegzuwischen?“ Und ich scanne den Raum: Alle anderen sind auch dünner! Ja daran muss es liegen. Nicht nur schwitzig, sondern auch dick. Oder wie mein Kopf gerne sagt: fett. „Es sieht bestimmt total bescheuert aus, wie jemand wie ich – jemand mit dieser Kleidergröße – versucht, Yoga zu machen. Ist doch klar, dass du wie ein fettes Schwein schwitzt.“ Auch im Bus, auf der Rückweg aus der Stadt nach Hause nach einem Einkauf, starre ich einfach nur nach draußen oder auf den Boden, in der Hoffnung, dass niemand den Schweißausbruch mitbekommt. Jeden Tag, wenn ich in der Kita ankomme, reiße ich Jacke, Pullover und Tuch von mir. Aber es hilft nichts…der Schweißausbruch ist schon da. Und da bleibt mir nur vordergründig der Humor, wenn ich so mit meinem Kind an der Hand und dem Baby vor der Brust in den Gruppenraum gehe und den anderen begegne. Also den anderen Erwachsenen. Denn den Kindern scheint es nichts auszumachen. Oder eher: Meinem Kopf scheint es nichts auszumachen vor Kindern zu schwitzen. Er fürchtet ihr Urteil nicht. Denn Kinder nehmen zwar kein Blatt vor den Mund, aber sie beurteilen nicht. Und vor allem verurteilen nicht.

Das ist meine Angst. Beurteilt zu werden. Abgestempelt als „dickes Schwein“ (ich weiß, Schweine sind gar nicht so verschwitzt und dick, sondern echt süß). Augenbraue oben, Nase gerümpft über mein verschwitztes, dickes Ich. Und plötzlich fühle ich mich klein, beschämt, will mich am liebsten verstecken, verkriechen vor der Welt. Und alle anderen Mamas sehen doch so anders aus, sind fit, tragen zwei Größen kleiner, sehen selbst abgehetzt super aus, kriegen alles vereinbart und sind deswegen…besser? Bessere Menschen? Bessere Mamas?

Mir ist bewusst, dass Teile von mir getriggert werden, die schon früh sich für mich, meinen Körper, mein Aussehen geschämt haben. Ich habe zwar keine verzerrte Körperwahrnehmung, aber ich urteile am grausamsten über mich. Ich weiß rational so viel. Ich kann bei anderen so gütig sein. Und die Scham ist einfach groß. Manchmal übergroß. So dass ich nicht zum Yoga gehe, weil es schönes Wetter ist und ich dann Angst habe total verschwitzt anzukommen.

Der Mutter von Jonas ist es egal, wie ich aussehe. Und Jonas und Aurelia auch. Ihnen ist es wichtig, dass ich da bin; einfach nur da bin. (Und vielleicht mit ihnen spiele oder mal einen Joghurt auftische.) Und wahrscheinlich, vielleicht ist ja auch allen anderen egal und es sind alles nur Geschichten in meinem Kopf. Im Geschichten erzählen war ich schon immer sehr gut. Und trotzdem bin ich an manchen Tagen nicht davor gefeit, diesen Geschichten zu glauben, ihnen Raum zu geben und mich dadurch selbst zu isolieren. So funktioniert Scham.

Wäre ich wirklich ein besserer Mensch, als bessere Mama mit weniger Schweiß im Gesicht (und diversen anderen Körperteilen) und zwei bis drei Kleidergrößen kleiner? Wäre ich dann immun gegen Be- und Verurteilungen? Oder finden wir nicht immer etwas, was scheinbar bei uns von der Norm abweicht; etwas mit dem wir im Vergleich nicht mithalten können? Da ist er wieder. Dieser blöde Vergleich. Ich darf mehr ins Innere schauen, als das Außen zu scannen. Denn ich möchte, diese Scham über meinen Körper, mein Aussehen nicht an meine Kinder weitergeben. Mir ist es nämlich egal, ob sie verschwitzt sind oder nicht. Sie sind genauso gut wie sie sind. Immer. Ich liebe sie. Einfach so, weil sie da sind. (Und super süße und super nervige Sachen machen.) Und das ist es doch, was wir eigentlich alle brauchen: Das Gefühl geliebt zu werden, so wie man ist. Mit allem, was man ist. Auch mit jedem einzelnen Schweißtropfen.

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