Ich weine wieder mehr

Veröffentlicht am 3. Juni 2026 um 13:52

Ich weiß nicht, ob ich am Anfang stehe oder schon mittendrin bin. Ich spüre nur, es verändert sich; ich verändere mich. Alle sagen, die ersten drei Monate seien die schwersten. Als wenn dann eine magische Linie überschritten wird und sich dann alles fügt.

Es fühlt sich nicht an, als wenn sich alles gefügt hat. Ja, wir haben eine Art Routine, alleine bedingt durch Jonas Tagesablauf. Ja, die Tage gehen vorüber, ohne dass ein großes Chaos ausbricht. Micha arbeitet vorrangig im Home Office. Wir haben Großeltern in der Stadt wohnen. Und endlich ist der Frühling und Sommer da und die Krankheiten ebben ab. Was will ich also eigentlich? Euch mitnehmen.

In meinem Kopf schreit es gerade: „Was machst du da? Wie kannst du schreiben, dass es dir schlecht geht? Dir?! Du hast doch alles. Und du hast dich selbst für all das entschieden!“ Und ich versuche mich daran zu erinnern, dass es okay ist, dass es gerade wieder schwerer ist. Auch wenn ich das mit jeder Faser meines Seins nicht will. Ich will das nicht. Ich will nicht darüber nachdenken, ob ich das Sertralin erhöhen sollte. Ich wollte es doch eigentlich nach dem nächsten Winter absetzen. Ich will nicht „schon wieder“ so ein pseudo-Down sein, weil ich kann ja noch alles machen. Es läuft nichts aus dem Ruder. Ich lasse es, hoffentlich, nicht an meinem Umfeld aus. Und es gibt ja auch gar keinen Grund. Ich habe einen tollen Partner, zwei gesunde Kinder, wir wohnen in einem Reihenhaus mit Garten, haben immer zu Essen (obwohl die Joghurt bei Jonas Konsum schnell leer ist). Mir geht es doch gut.

Außer dass es mir nicht gut geht. Und ich kann das nicht mal sagen; auch nur schreiben, wenn ich mir vorstelle, dass es keiner liest, der mich kennt. Weil dann kommen nachher die Fragen und ich bin es leid. Denn ich kann es doch rational auch nicht erklären. Ich weiß nur, dass auf einmal die Wände wieder näherkommen; dass sich mein Blick verengt und ich mich frage: Wozu, warum bin ich hier? Nicht auf die philosophische Art und Weise. Sondern eher: Wozu gibt es dich? Wer braucht dich? Was hast du in diesem Leben verloren?

Natürlich meine Kinder. Die halten mich. Und ich weiß, sie wären nicht besser ohne mich dran. Und gleichzeitig habe ich für sie entschieden, dass sie auf die Welt kommen. Und es gab Momente, da hätte ich mich – wenn mich damals in der Prä-Existenz jemand gefragt hätte – gegen mein Leben entschieden. Weil es sich so grau, schwer und aussichtslos anfühlte. Es ist schwer zu beschreiben. Als wenn statt fünfzig Liedern mit den schönsten Melodien und Farben nur noch eine spielt. Monoton und grau und sie erzählt dir, dass du doch gar keine Interessen und Freude mehr hast und sowieso immer nur erschöpft bist. Und dass du dich doch eigentlich nicht so fühlen dürftest – wegen deiner Kinder, deines Mannes, deines Lebensstils, deines „Glücks“ was du doch schon hattest – und warum kriegst du es denn immer noch nicht hin?

Und nebenher läuft das Grübeln auf Hochtouren, sodass der wenige Schlaf mit zwei Kindern noch weniger wird. Das Nervensystem gleicht einer Autobahn. Die Tränen fließen dann nicht mehr mit Halt in Michas Armen, sondern heimlich. Ich habe keine Worte, keine Erklärung – nur diese Gefühle von Leere, Dröhnen im Kopf, Versagen, Einsamkeit, Angst und Scham.

[Und nebenbei bemerkt: In so einem Zustand sollst du dann Psychiater und Psychotherapeutinnen abtelefonieren, um zu bitten um…ja was denn? Etwas das man selbst nicht in Worte fassen kann und was man selbst am liebsten wegdrücken würde, weil es soll und darf einfach nicht sein?]

Dass ich das hier schreibe, ist mein Anker. Für mich. Damit ich es nicht wegdrücken kann. Damit ich, die Mutter von Jonas und Aurelia, und nicht die Teile und die Krankheit mich dadurch manövrieren und ich ihnen nicht das Steuerrad in dieser rauen See überlasse. Sie sind nicht die Feinde. Sie brauchen Hilfe. Von mir. Wie das aussieht, weiß ich noch nicht. Erhöhte Dosis? Gespräche? Mehr Sitzungen mit meiner Therapeutin? Mehr Schlaf (hahahaha…wishful thinking)?

Don’t judge, minimize harm, know it will pass.

Nachtrag: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text veröffentliche. Aber darum geht es ja: zu zeigen, welche Facetten das Mama sein haben kann. Und sich einzugestehen, dass es gerade wieder schwerer ist, ist der erste Schritt. Der zweite Schritt hat mich, wie so oft schon, zu Micha geführt und ich weine mittlerweile nicht mehr heimlich.

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