In Memorandum

Veröffentlicht am 27. September 2026 um 10:13

Ich scrolle durch Fotos von 2010.

Da bin ich auf Reisen in London, an Wochenenden in der Natur. Noch mit Alena, unserem Hund. Da bin ich mit Freunden, mit denen ich lange keinen Kontakt mehr habe. Mit Freunden, mit denen ich noch befreundet bin und sogar welche, die wieder in meinem Leben sind. Da bin ich bei Familienfeiern, mit Menschen, die nicht mehr hier sind. Ein Bild meiner Oma in ihrem Wintergarten; dort wo Jonas jetzt seinen Lego-Spielbereich hat und wir uns über leuchtende Sonnenuntergänge freuen. Da bin ich mit meiner Schwester. Wir sind jünger, unsere Augenringe noch nicht ganz so ausgeprägt, noch nicht ganz unseren Stil gefunden. Heute tauschen wir uns über unsere Nächte mit Babys aus. Kein Wettstreit, wer am wenigstens geschlafen hat. Eine Bestätigung, dass es für uns beide anstrengend ist. Ich erlebe einige Aha-Momente, denn ich habe vieles vergessen. Stimmt, das habe ich gemacht! Ich sehe die Fotos, sehe mich und erinnere mich, dass ich dort in diesem Moment war. Aber bei vielen kann ich mich nicht mehr richtig aktiv reinfühlen. Ist das gut oder schlecht? Es kann vielleicht die Sorge nehmen, dass schmerzhafte Momente das Leben fortan bestimmen. Denn sie reihen sich ein in die vielen, vielen Momente eines Tages, die zusammen die Jahre ausmachen. Es kann vielleicht auch Sorge machen, dass die schönen Momente verblassen und sich verflüchtigen. Oder es zeigt, dass wir tatsächlich nur im jetzt sind. Die Vergangenheit hat ihre Wirkung und bestimmt, unsere Reaktion und wie wir das Leben erleben. Und wir fühlen trotzdem nur im hier und jetzt – selbst wenn es Erinnerungen oder Zukunftsszenarien sind, sind die Gefühle dazu im hier und jetzt.

Es scheint wie ein anderes Leben. Da war noch kein Gedanke an Mama sein, jemals Mama sein! Die Mutter von Jonas und Aurelia schlummerte noch. Oder? Oder eher ich war lange auf der Suche nach ihr. Nach der Mutter, der Stimme, dem Kompass, dem Ruhepol, dem Inneren – wie man es auch nennen mag, nach dem Selbst, meinem Selbst, das nicht im Außen zu finden ist. Auch wenn wir alle es da anfangs (oder bis zum Ende?) dort suchen. Bei mir sein. Bei mir ankommen. Nachdem ich meinen Partner für das Leben gefunden habe, in unser Haus voller Erinnerungen an die vorherige Generation eingezogen sind und durch zwei Kinder zur Mama geworden bin, ist nun vielleicht die Season in und bei mir anzukommen. Die Mutter von Jonas und Aurelia gab es schon immer. Durch meine Kinder fange ich an, sie wahrzunehmen, mich auf sie einzulassen und ihr den Vortritt zu geben vor dem Perfektionismus, dem Leben der Anderen und meinen Sorgen und Ängsten. Mit ihr und bei ihr möchte ich bleiben. In the making since 1988. Und auch schon 2010 mit dabei.

 

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