Darf ich nach dem Sinn fragen?

Veröffentlicht am 13. Mai 2025 um 09:10

Auch wenn ich Mama bin und ein tolles, gesundes (jedenfalls meistens) Kind habe, einen liebevollen Ehemann und einen engen Kontakt mit der Familie gibt es immer wieder Tage, an denen ich mich in einer Abwärtsspirale bewege. Dann ist mein Blick fürs Leben eingeengt wie in einem Tunnel, in dem die Wände immer näher kommen. Ein Teil von mir ist davon überzeugt, dass ich mich immer und immer wieder sinnlos, eingeengt, niedergeschlagen und niedergedrückt fühlen werde. An solchen Tagen (über)lebe ich im Funktionsmodus und wenn ich es nicht rechtzeitig merke, dann übernimmt der Teil, der diese Ängste verstärkt und die Abwärtsspirale befeuert und mich bis zur Frage nach meiner Existenzberechtigung führen kann.

Mittlerweile habe ich – dank vieler Gespräche und Körperübungen mit meiner Therapeuten sowie toller Unterstützung vor allem von meinem Mann – einen guten Werkzeugkoffer an der Hand und bemerke, wenn es losgeht. Das heißt aber nicht, dass es nicht mehr passiert. Nur dass ich neben dem Sturm in meinem Kopf auch noch die Stimme dazwischen höre, die mich erinnert, dass es auch wieder anders wird.

Depressive Episoden gehören ein Stück weit zu meinem Leben dazu. Auch schon vor Jonas Geburt. Mit der Geburt meines Sohnes sind diese Phasen nicht einfach weg. Obwohl ich doch jetzt ein Kind habe. Wie kann ich da die Frage nach dem Sinn meines Lebens, überhaupt von am Leben sein, stellen? Ich habe ein Kind. Das müsste doch genug Lebenssinn geben. Was sagt das über mich aus, über meine Liebe zu meinem Kind, wenn ich trotzdem manchmal nicht weiß, warum ich lebe, wozu ich lebe, und dass das Leben einfach nicht lebenswert ist für mich. Es sagt über mich aus, dass ich ein Mensch bin. Mit einer Krankheit. Zu der sich noch die Scham gesellt, dass ich diese Gedanken habe, obwohl ich Jonas habe. Ach, das geht runter wie Butter für die Depression. Alles um die Isolation, den Niedergang, die Selbstverachtung zu fördern. Aber ich lasse Jonas dafür nicht instrumentalisieren. Denn ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass diese Gedanken nichts, rein gar nichts, mit Jonas zu tun haben. Ich würde Jonas nie hergeben. Ich bin froh und dankbar, ihn in meinem Leben zu haben. Er verankert mich, er fordert mich, er bringt mich zum Lachen. Er ist wahrhaftig. Und diese paradoxe Spannung von Lebensfreude und Lebensunwillen auszuhalten und immer wieder neu zu verhandeln, das ist eine lebenslange Anstrengung.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.