Alle guten Dinge sind

Veröffentlicht am 16. Juni 2025 um 10:59

Ich bin müde von dem hin und her in meinem Kopf. Der Stimme, die richtig gute und wichtige Argumente gegen ein 2.0 hat. Und diesem Gefühl von „ja, ich habe noch mehr Liebe zu geben“. Ich bin wütend und fühle mich verraten. Von mir selbst. Denn ich habe gesagt und es in alle Himmelsrichtungen geschrien: Nicht noch einmal! Ich werde nicht noch ein Kind bekommen! Ich will nicht noch ein Kind bekommen! Und wie missverstanden, ungehört und schlichtweg übergangen habe ich mich gefühlt, wenn ich als Reaktion bekam: Ach, warte mal ab. Das sagen alle am Anfang. Du wirst schon sehen… Ich wollte aber nicht später sehen. Ich hatte ja schon gesehen, was Schwangerschaft, Geburt und die ersten Monate mit mir, mit uns als Paar, gemacht haben. Kein zweites Kind! Und wer hat überhaupt festgelegt, dass es zwei Kinder sein müssen? Es scheint mir, als wenn die Mehrheit erst zufrieden ist, wenn man zwei Kinder vorweisen kann. Als wenn man sich das aussuchen kann. Als wenn man es steuern und kontrollieren kann. Klar, man kann sich aktiv dafür entscheiden, zu versuchen ein Kind zu bekommen. Ich habe gesehen, gehört und zum Teil miterlebt, was es bedeuten kann

… wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt und sich Paare die Frage stellen, wie weit gehen wir? Entscheiden wir uns für eine künstliche Befruchtung? Und wie lange halten wir das durch – finanziell und vor allem mental? Wenn das ganze Leben von Spritzen und Hormoneinnahmen durchtaktiert ist?

…wenn ein Kind, egal in welcher Schwangerschaftswoche, als Sternenkind zur Welt kommt. Zu früh, zu krank, zu klein, schon von ganzem Herzen geliebt. Wenn auf einmal die Vorfreude und die Bilder im Kopf von der Familie zerplatzen, die Welt aufhört sich zu drehen. „Es ist kein Herzschlag mehr zu sehen.“ Wenn zu diesem Schock und Schmerz nun tatsächlich noch das Kind geboren werden muss und man statt Leben, die Hülle des Kindes in der hält, das doch eigentlich lachen, laufen, weinen, jauchzen und spielen sollte. Wie macht man weiter, wenn die Angst jede neue Schwangerschaft bestimmt? Gibt es einen neuen Versuch? Was, wenn es nicht nur ein Mal passiert? Ich kenne die Statistiken, dass Fehlgeburten so viele Frauen betreffen. Und das macht jeden einzelnen Fall nicht leichter oder schmerzfreier oder tröstlicher.

...wenn der Wunsch und die Hoffnung jeden Monat aufleben und doch wieder enttäuscht werden.

Ich wollte also kein zweites Kind.

Und doch wünsche ich mir mittlerweile seit fast einem Jahr ein zweites Kind.

Aber ich kann doch nicht ein zweites Kind bekommen – wünschen – haben! Weil…die Schwangerschaft…die schlaflosen Nächte…da ist ja noch das erste Kind! Und was wenn Jonas krank ist?! Was wenn wir krank sind?! Was wenn das Baby krank wird?!...die chronische Erschöpfung…die fehlende Paarzeit und potentielle Entfremdung…die Streitereien mit Micha durch ein strapaziertes Nervenkostüm…mein Wiedereinstieg in einen Job verzögert sich noch weiter…meine mentale (Un)Gesundheit…und wie kann ich, können wir, zwei Kindern gerecht werden?

Dieser neu entfachte Kinderwunsch entwickelte sich mit dem Umzug nach Göttingen. Oder vielleicht eher mit dem Ankommen in Göttingen. Jonas war mittlerweile 1,5 Jahre alt und ich war selbst von mir überrascht, als ich bemerkte, dass ich sehnsüchtig die Geschwisterkinder von Jonas Freunden in der Kita sah. Ich habe diesen Wunsch lange verdrängt und mit niemanden geteilt, vor allem nicht mit Micha. Denn ich war mir sicher, dass er – genau wie ich – mit einem Kind gut ausgelastet war. Und es stimmt ja auch, wir sind zu Dritt eine tolle Familie und es ist auch gut so.

Und doch kam dieser Wunsch in Wellen und ich startete schon einen Trauerprozess darum, dass es kein zweites Kind geben würde. Bis ich es dann doch ansprach. Und Micha hatte auch schon darüber nachgedacht! Ich weiß noch, wie wir im Arbeitszimmer standen und ich durchflutet wurde von einer Glückseligkeit und Wärme. Ich habe so eine intensive Verbindung zu ihm gespürt. Was für ein Glück, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen wollen. Ich kam dann erstmal zu spät zur Kita, um Jonas abzuholen. Irgendetwas ist immer...

Und nun, einige Monate später? Wir sind nicht schwanger. Immer noch nicht. Beim ersten Mal hat es so schnell geklappt. Wir waren verwöhnt. Und mit der Zeit kommen die Zweifel. Ist es wirklich eine gute Idee? Gerade nach den letzten fünf Monaten vollgepackt mit Krankheiten, die an Körper und Nerven zehren, habe ich mir immer wieder zwischendurch gedacht: Zum Glück bin ich jetzt nicht schwanger! Und zwei Tage später waren die Sehnsucht und der Wehmut wieder da.

Zuerst war es mir unangenehm zuzugeben, dass ich mir nun doch ein zweites Kind wünschte. Nun ist es mir unangenehm, dass es noch nicht geklappt hat. Liegt es an mir? Soll es nicht sein? Was, wenn andere vor mir schwanger werden und ich nicht mehr? Was, wenn es einen Grund hat, dass es nicht klappt und ich nachher meine Gesundheit oder die den ungeborenen Kindes aufs Spiel setze?

Es ist genauso anstrengend wie es sich anhört! Dieses hin und her und ständig kreist mein Kopf. Nie hätte ich gedacht, dass ein Kinderwunsch solche existentiellen Fragen auslösen kann. Es soll doch eigentlich etwas Schönes sein. So die Theorie. Beziehungsweise so ist es auch, wenn alles gut geht. Wenn man gewollt schwanger wird, die Schwangerschaft hält und man ein gesundes Kind in den Arm nehmen darf. So einfach hört es sich an und kann es auch sein. Nur, dass zwischendurch alles passieren kann. Alle guten Dinge sind…nicht in Zahlen zu fassen, sondern in Hoffnung, Vorfreude, Tränen, Schmerz, Trauer, Ungeduld, Dankbarkeit und Verlust und Leben.

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