Von Mythen

Veröffentlicht am 27. Juni 2025 um 10:08

Ich bin ja selbst darauf reingefallen. Oder vielmehr: Ich habe wirklich gedacht, ja, so ist es! Familienplanung mit Mitte/Ende 30 geht ohne Komplikationen; ich bin rechtlich abgesichert, dass Schwangerschaft, Mutterschutz und Elternzeit keine Probleme beim Arbeitsplatz machen; ich werde auf jeden Fall mit Kind arbeiten, denn das machen doch alle anderen auch.  

Frauen müssen sich heutzutage nicht mehr entscheiden zwischen (Aus)Bildung, Beruf und Familie. Es geht beides. Es geht alles. So wie es bei den Männern schon immer war. Es gibt nicht mehr den Erwartungsdruck mit Anfang 20 verheiratet und schwanger zu sein. Auch wenn manche rechte Kräfte im Land gerne noch propagieren, dass die Frau doch am besten im Heim und den Kindern aufgehoben ist, so sieht die Realität ja ganz anders aus. Und das ist gut so!

Schon während der Schulzeit hatte ich ein klares Ziel vor Augen. Ich wollte die Welt bereisen, beruflich international agieren. Ich konnte studieren und hatte das Glück dadurch in meinen 20ern in verschiedenen Ländern leben und lernen zu können. Ich war neugierig. Es war aufregend und auch anstrengend. Meine Wunschvorstellung, die Idee von mir als international tätige Entwicklungshelferin musste ich dann mit Ende 20 loslassen. Denn ich spürte, es ist doch nicht mein Weg. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was stattdessen mein Weg sein könnte.

Jedenfalls lebte und arbeitete ich nun mit 30 Jahren in Hannover. Und ich begann mich zu fragen, wofür das alles. Wofür das arbeiten, wo führt das alles hin? Erst mit dem Kennenlernen von Micha, meinem jetzigen Mann, kam der Wunsch nach Familie auf. Bzw. erst da konnte ich mir das überhaupt vorstellen – mit ihm an meiner Seite. Um mich herum wurde ich natürlich schon länger damit konfrontiert. Sei es durch Freunde, die Kinder bekamen, oder Nachfragen, ob ich denn keine Kinder haben möchte (was nebenbei bemerkt, keine small-talk-Frage ist, sondern eine ziemlich persönliche!) und auch den Versuchen, vieler Frauen, schwanger zu werden…über Jahre…und den stetigen negativen Schwangerschaftstests oder Fehlversuchen der künstlichen Befruchtung. Sie alle waren Frauen und sind Frauen, die schon einiges in ihrem Leben erreicht haben. Doktortitel, Vorgesetztenposition, und Mitte/Ende 30.

Es stimmt. Frauen können genauso handwerklich, akademisch, kaufmännisch – beruflich – erfolgreich sein wie Männer. Und sie können, sollen und dürfen nach ihren Wünschen greifen.

Und es stimmt auch, dass die viel zitierte „biologische Uhr“ bei Frauen anders tickt als bei Männern. Und es stimmt auch, dass sich viele Frauen – ich eingeschlossen – genau überlegen, ob sie sich nun auf den neuen Job bewerben können, wenn sie doch eigentlich versuchen, schwanger zu werden. Rechtlich gesehen, dürfen sie das – natürlich! Aber ganz ehrlich: Ich habe die Diskussion mit meiner Schwester geführt und sie hat sie mit mir geführt, als wir beide in der Situation waren, denn so leicht ist es nämlich nicht. Ich konnte die Arbeitgeberseite verstehen und vor allem die Kolleginnen und Kollegen, die sich natürlich über die langersehnte Unterstützung freuen. Und dann die Nachricht: Ich bin schwanger. Ich war gerade zwei Wochen im neuen Job, eine einjährige Elternzeitvertretung, als ich den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Die Elternzeitvertretung ist schwanger. Welch Ironie. Es hat mir keiner ins Gesicht gesagt, wie blöd ist das denn. Und gleichzeitig war klar, dass ich durch die Schwangerschaft bestimmte Tätigkeiten nicht ausfüllen konnte. Natürlich war es mir unangenehm! So kurz nach Jobantritt, eine sowieso nur einjährige Stelle.

Frauen fallen einfach länger aus. Durch Mutterschutz und Elternzeit. Mein Mann hat auch Elternzeit genommen. 3 Monate. Viel mehr als der Durchschnitt und ich bin sehr dankbar dafür. Aber ich hätte auch nach einem Jahr nicht wieder anfangen wollen zu arbeiten. Denn meine Prioritäten haben sich komplett verschoben. Ich habe gesehen, wie Freunde gehadert haben. Dass Mütter ihre Elternzeit verlängert haben, mit schlechtem Gewissen wieder angefangen haben zu arbeiten und das Gefühl haben weder Kind noch Arbeit (oder eher den Kolleginnen und Kollegen) gerecht zu werden. Ich habe das Privileg, dass ich momentan ohne bezahlte Arbeit bin und sein darf. Auch wenn das auch schon wieder ganz andere Fragen aufwirft: Denn um mich herum tun es alle Mütter. Arbeiten. Und müsste ich nicht auch? Denn ist das nicht Errungenschaft, dass Frauen nicht mehr „hinten“ anstehen müssen? Dass wir uns selbst versorgen können, nicht finanziell auf den Mann/Partner angewiesen sind? Dass wir nicht mehr alleine über Hausfrau und Mutter definiert werden, sondern auch über unsere Tätigkeit?

Und was wäre, wenn die Errungenschaft wäre, dass Frauen die Wahl haben, ob sie arbeiten wollen oder zu Hause bleiben wollen? (Mir ist bewusst, dass es in ganz vielen Familien keine Wahl gibt, weil es die finanziellen Zwänge einfach erfordern.)

Was wäre, wenn das viel beschworene Bild von „die Frauen können es heute alles haben“ so nicht stimmt? Wenn es einfach zu viel ist: Kinder, Haushalt, Arbeit, am besten noch Hobbies/Sport und Treffen mit Freundinnen – denn man lässt sich das Leben ja nicht von seinen Kindern diktieren.

Ich kenne keine Mutter mit kleinen Kindern, die nicht unsäglich erschöpft ist, weil das Pensum so voll ist. Weil jeder Tag eine ausgeklügelte Organisation und Koordination braucht. Da sind die Bring/Abholzeiten der Kita, Beginn/Ende von Schule, die eigenen Wochenarbeitsstunden, Einkäufe müssen erledigt werden, ach, das Geburtsgeschenk für den Kindergeburtstag brauchen wir auch noch. Es darf jetzt bloß kein Kind krank werden. Es wird ein Kind krank. Was jetzt? Vor allem wenn keine Großeltern, Ersatzgroßeltern oder Vertraute in der Nähe wohnen, die auf das Kind aufpassen können. Will man ein kleines Kind, das krank ist, überhaupt in andere Hände geben? Will das Kind das? Es prasselt so viel ein. Vielleicht nicht mehr der Druck als Frau nur eine Rolle ausfüllen zu dürfen. Aber auch die Erwartung es doch alles zu schaffen, ist ebenso erdrückend. Und beschämend, wenn man es doch nicht „schafft“, wenn man einfach nicht mehr kann. Weil es doch die anderen schaffen. Weil es doch Alleinerziehende schaffen müssen. Ich frage mich, „schafft“ es überhaupt jemand und wie geht es all den Müttern, ob in Beziehung oder alleinerziehend mit all der Verantwortung?

Die Idee sieht ja erstmal super aus: Erst mit Mitte/Ende 30 Kinder bekommen, weil dann das berufliche und finanzielle gefestigt ist. Der Rechtsanspruch, dass Schwangerschaft und Familienplanung in Auswahlverfahren keine Rolle spielen darf. Der Rechtsanspruch nach der Elternzeit wieder einsteigen zu können. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Die Freiheit als Mutter alles machen zu können. Die neue Rolle der Väter als gleichberechtige Partner in Kindererziehung und Haushalt.

Die Realität sieht aber oft anders aus. Wenn der Kinderwunsch über Jahre unerfüllt bleibt, weil das biologische Alter nun mal eine Rolle spielt. (Selbst der Trend seine eigenen Eizellen einzufrieren, um dann mit 40 Jahren schwanger zu werden, halte ich für falsche Sicherheit. Denn der Körper altert ja trotzdem…) Wenn man doch die Schuldgefühle hat, weil man nun den Vorgesetzen und Kolleginnen von der Schwangerschaft erzählen muss. Wenn die Aussicht wieder in den Job einzusteigen, Panik macht. Wenn die Betreuung durch Personalmangel, Krankheit des Kindes eben nicht gesichert ist. Wenn ein Großteil der Kinderbetreuung und des Haushalts doch bei der Mutter liegt; sei es, weil sie es selbst so will oder weil die Verantwortung dafür unausgesprochen doch bei ihr liegt.

Ich finde es wunderbar, dass Muttersein heutzutage nicht gleich bedeutet, nur Kinder und Haushalt zu sehen. Ich finde es wunderbar, dass Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau vorangeht. Warum auch nicht? Die Idee, dass Männer mehr, besser, wichtigere Dinge können als Frauen kommt ja auch einfach nur von Männern und ist kein Naturgesetz, sondern Blödsinn. Was ich lernen durfte ist, dass es aber tatsächlich biologische Unterschiede gibt. Welch Überraschung. Und die haben Auswirkung auf alles. Wann eine Schwangerschaft für eine Frau wahrscheinlicher ist, wie lange eine Frau bei ihrem Job „ausfällt“, und ein Stück weit auch, wie sich Familie gestaltet. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass wir evolutionär nun mal bis heute geprägt werden. Und das ist nicht schlimm. Es ist auch nicht schlimm, dass es für Frauen, die Mütter werden anders ist als für Männer die Väter werden. Es ist einfach so. Teils biologisch/evolutionär bedingt. Teils eigene Entscheidung. Es ist nur für Mütter noch ermüdender, wenn sie dem heutigen Bild einer Frau und Mutter scheinbar nicht entsprechen können. Einem Bild von Frau und Mutter, das in manchen Facetten eben wieder unerfüllbare Erwartungen an die Frau stellt. Wenn unter dem Slogan „Gleichberechtigung“ eben nicht mehr Freiheiten, sondern noch mehr Erwartungen auf Frauen und Mütter liegen.

Natürlich gibt es viele Mütter, ich würde sogar sagen – die meisten - , die arbeiten wollen. Weil man vielleicht seine Tätigkeit gerne macht, weil man gerne auch unter anderen Erwachsenen ist, weil es Abwechslung bringt, weil es einem etwas zurückgibt, weil…. Zum Problem, zu einer Belastung, wird es dann, wenn es zusätzlich bedeutet, auch die komplette Verantwortung für Haushalt und Kind zu tragen. Ich habe den größten Respekt für alle alleinerziehende Eltern, Väter oder Mütter.

Und ich habe lange selbst damit gehadert. Mit mir und meinem Privileg, meiner bzw. unserer Entscheidung, dass ich momentan nicht arbeite. Ich will gar nicht sagen, dass es so besser ist. Nur, dass ich mich mittlerweile nicht mehr dafür schäme, weil es alle anderen machen und schaffen und ich zerbrechen würde. Denn ich glaube, dass es schwer ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Für alle Mütter. Für alle Eltern.

 

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