Ich sitze im Wartezimmer meiner Frauenärztin in Hannover. Durch die Glastür kann ich den Flur zu den Behandlungsräumen und der Anmeldung sehen. Als Farbnuancen hat sich das Praxisteam für ein sattes Grün mit ein paar Akzenten in Pink entschieden. Es gibt eine Garderobe, einen kleinen Tisch mit Gläsern und Wasserflaschen, die obligatorischen Zeitschriften, eine Spielzeugkiste und eine Pinnwand. Von dort aus lächelt mich eine halbnackte Frau inmitten eines hüfthoch bewachsenen Feldes an. Sie ist vielleicht Ende 20, offenes Haar, leicht gesenkter Blick nach unten, tief entspanntes Lächeln. „Stillen ist das natürlichste der Welt“ prangert auf dem Plakat. Ich könnte kotzen. Damit meine ich natürlich, ich merke, wie die Wut in mir hochsteigt.
Nicht, weil ich denke, dass es nicht stimmt. Sondern weil es suggeriert, dass man als Frau, als Mutter, natürlich stillt und es natürlich kein Problem ist, weil es doch so natürlich ist und man sich vielleicht am Anfang etwas eingrooven muss, aber man der Natur seinen Lauf lassen soll. Und es natürlich so so wichtig und wertvoll für das Baby ist und welch schlimmen Nachteile es doch davonträgt, wenn man nicht stillt. Etwas zurückspulen – ich während der Schwangerschaft: Ich stille Jonas mindestens bis er zwei Jahre als ist! (Nach ausführlicher Recherche im Internet, was die WHO empfiehlt und natürlich auch alle Hebammen sagen.) Fast forward: Ich sitze im Wartezimmer, ca. 8 Wochen nach Entbindung und habe einen Milchstau mit dem ganzen Gedöns (Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen) hinter mir, drei Tage verzweifeltes Versuchen das Baby auf der Intensivstation dazu zu bekommen, aus der Brust zu trinken. Abpumpen, abpumpen, abpumpen. Cremen, cremen, cremen. Denn meine Brustwarzen schmerzen höllisch. Nein, nicht nur dieser kurze, ganz normale Ansaugschmerz, der natürlich nach ein paar Wochen weggeht. Es ist so schlimm, dass ich beim Stillen weine, weil es so weh tut. Natürlich verkrampfe ich mich schon bei dem Gedanken ans Stillen. Und das behindert den natürlichen Fluss und macht dem Baby Stress. Sehr hilfreich, als wenn ich jetzt weniger Stress hätte. Nach dem Stillen zieht es in den Brüsten, so dass ich sie eigentlich immer massieren muss. Zudem kommt meine außerordentlich gute Milchzufuhr. Kein Problem, freu dich doch? Naja…es führt dazu, dass sich Jonas jedes Mal verschluckt, weil er gar nicht so schnell schlucken kann, die Milch überall hinschießt (ja, mit Volldruck!) und auch dieser Milcheinschuss sehr schmerzhaft ist. Von dem bevorstehenden Stillstreik, der in ein paar Wochen auftreten sollte, weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nichts. Ich denke: Ich hoffe, ich schaffe es durchzuhalten, bis Jonas sechs Monate alt ist. Kleiner Spoiler: Ich schaffe es. Und noch länger. Jonas ist über zwei Jahre alt und ich stille ihn nachts noch immer. Es beschert mir unruhige Nächte, bei Krankheit ist diese Flüssigkeitszufuhr Gold wert und ich sehe und fühle, wie sehr Jonas es genießt und zur Ruhe kommt und einfach ganz nah ist. Mittlerweile ist Jonas in ein paar Monaten drei Jahre alt. Er fragt alle paar Tage nach der Brust. Nachts stille ich nicht mehr. Das hat er erstaunlich schnell akzeptiert. Was für ein Glück! Ich glaube, wir gewöhnen uns langsam gemeinsam das Stillen ab.
Es war ein schwerer Start, der sich über die ersten vier bis fünf Monate hingezogen hat. Dank ein paar pflanzlichen Kapseln wurde der Schmerz besser. Wunde, also blutige, Brustwarzen hatte ich zum Glück nie. Es hat mir auch so gereicht. Ja, es mag sein, dass das Stillen das Beste für das Kind ist. Und es auch praktisch für unterwegs. Es ist unpraktisch, wenn man mal durchschlafen will und den lieben Partner einfach mal eine Fütterung durchführen lassen kann. Es ist erstaunlich, wie groß Jonas in den ersten Monaten nur mit meiner Milch geworden ist. Und es ist erstaunlich, wie viel schlechtes Gewissen Müttern gemacht wird, wenn sie entscheiden oder wenn sie gezwungen sind, die Flasche zu geben. Und ich war gedanklich auch Teil dieser Maschinerie. „Natürlich werde ich stillen! Warum sollte ich nicht das Beste für mein Kind wollen?“ Und da kommt die Beurteilung und Verurteilung anderer Mütter rein. Als wenn sie nicht das Beste für ihr Kind wollen. Als wenn „die perfekte Mutter“ natürlich stillt. Als wenn es „die perfekte Mutter“ überhaupt gibt.
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