SSW 12+0

Veröffentlicht am 17. Juli 2025 um 14:40

Es ist eine imaginäre Grenze und doch, wenn eine werdende Mutter sie überschreitet, dann wird durchgeatmet. Denn nun sinkt das Risiko einer Fehlgeburt. Schwangerschaftswoche 12+0. Drei Monate hat sich der Zellhaufen zu Embryo und Fötus entwickelt. Ein Drittel der Schwangerschaft ist rum. Wenn alles gut geht. Denn leider ist es kein Selbstläufer. Schwanger werden, schwanger bleiben und am Ende ein gesundes Baby im Arm zu halten.

Es ist kein Selbstläufer für das Baby und die Mutter. Es ist ein Gesundheitsrisiko für die Mutter. Und der Start ins Leben, selbst wenn geschützt im Bauch, ist fragil. Meine Mutter sagte immer, man gratuliert, wenn man von Mutter und Kind weiß, dass sie wohlauf sind. Ich habe mich früher immer gefragt, warum denn? Wenn sie doch schon schwanger ist, was soll denn passieren? Was soll denn auch bei der Geburt passieren? Zum Glück ist es nicht oft. Aber es ist kein Selbstläufer. Leben ist fragil. Leben auf die Welt bringen ebenso.

Es ist ein Wunder. Immer wieder. Auch jetzt, beim zweiten Mal. Oh ja, wir wagen es. Wir haben uns entschieden, wir möchten gerne noch ein Leben schenken. Und jetzt dürfen wir warten, in guter Hoffnung, ob uns ein Leben geschenkt wird. Beim Ultraschall konnte ich schon Nase und Beine und Füße erkennen. Nach nur 10 Wochen! Und genau wie beim ersten Mal ist es unvorstellbar, dass da gerade tatsächlich ein Mensch in meinem Bauch wächst. Wie aus zwei Zellen ein ganzer Mensch entsteht…wir können es mittlerweile nachweisen, die Entwicklung in Tagesschritten nachvollziehen. Und dennoch finde ich es un-fassbar. Es ist ein Wunder. Und wir hoffen, dass unser Wunder wächst und wächst und wir es irgendwann staunend im Arm halten dürfen.

Es ist noch früh. Es kommen schon Gedanken zu „Wie wird das mit dem Schlafen klappen – mit zwei Kindern?“, „Was machen wir mit zwei kranken Kindern? Und vor allem das Baby kriegt ja gleich alles aus der Kita mit!“, „Wie schaffe ich das kräftemäßig? Und hätte ich mir das nicht vorher überlegen müssen?“. Die Frage ist nur, was soll ich mir überlegen? Wie anstrengend es wird? – Sehr! Wie wenig Schlaf ich bekomme? – Wenig! Ob Micha und ich uns angehen werden, weil wir beide k.o. sind? – Ja! Und ist es nicht verrückt sich trotzdem dafür zu entscheiden? Vielleicht. Ein bisschen. Und es ist Liebe und Hoffnung und Strahlen und Kuscheln und gemeinsam Wachsen. Natürlich habe ich Ängste. Vor allem weil ich weiß, dass ein neues Baby nicht unbedingt alles rosarot färbt.

Ach ja, und dann natürlich noch die Geburt… Wie schreibt man über seine eigene Erfahrung, ohne allen anderen, vor allem werdenden Müttern, Angst zu machen? Überall heißt es, umgebe dich mit positiven Geburtsberichten. Denn dank TV-Shows und der Bibel ist ja klar: Schmerzen gehören zum Gebären dazu. Und die Aussicht darauf lässt nur die wenigsten kalt. Ich habe das auch gemacht. Positive Geburtsberichte, spezielle Meditationen, um mich auf die Geburt vorzubereiten. Ich habe Bücher gelesen, Podcasts gehört und mir war klar, dass es am Ende auch alles anders kommen kann. Es war okay für mich. Wenn doch keine Spontangeburt, dann Kaiserschnitt. Es war okay. Das einzige, wovor ich wirklich Angst hatte und was ich nicht wollte, war nicht nur dem Prozess des Gebärens an sich, sondern auch mit Fachpersonal ausgeliefert zu sein; nicht ernst genommen zu werden und hilflos und ohnmächtig alleine gelassen zu werden. Und genau das ist passiert. Mein Schreien über eine Stunde, die Forderungen meines Mannes – ignoriert. Ich merke, wie in den letzten Tagen diese Bilder von mir im Kreißsaal wieder hochkommen. Und auch die Gefühle dazu. Die Angst, der Schmerz, die Hilflosigkeit und auch die Trauer, dass es – obwohl ich mich doch so bemüht habe – so gekommen ist. Jonas kam nach zwei Tagen per Kaiserschnitt auf die Welt. Die Kaiserschnittnarbe ist gut verheilt. Die Risse und Furchen der Geburtserfahrung begleiten mich noch. Und das dürfen sie auch. Sie sind Teil meiner, unserer Geschichte. Von Jonas und mir. Und natürlich beeinflussen sie auch, wie die Geschichte weitergeht. Mit unserem kleinen Wunder.

Es ist noch früh. SSW 12+0. Eine Zeit des Staunens, sich Erholen von den Symptomen des ersten Trimesters, der Hoffnung und der Verarbeitung.

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