Laufräder laufen lassen

Veröffentlicht am 14. August 2025 um 11:27

Ich schaue aus dem Küchenfenster und kann die T-Kreuzung Zeppelinstraße/Stegemühlenweg sehen. Eine junge Frau mit weißem T-Shirt, braunen Haaren zum Zopf und Umhängetasche schleicht über die Straße. Im ersten Moment denke ich, oh man, ist es wirklich so warm draußen? Schließlich muss ich auch gleich los, Jonas von der KiTa abholen. Wettervorhersage: Über 30 Grad. Ich schaue genauer hin. Die Frau trägt ein Laufrad. Und noch langsamer hinter ihr folgt ein Kind. Es scheint in Jonas Alter zu sein. Ich muss laut auflachen.

Denn ich habe genau das gleiche Bild vor zwei Tagen abgegeben. Jonas ist im Fahrradfieber. Überall will er mit dem Fahrrad bzw. seinem Laufrad hinfahren. Und er macht das gut. Steigt bei den Straßen ab und wird vor (fast) jeder Ausfahrt langsamer, um nach Autos zu gucken. Natürlich wollte er am besagten Nachmittag auch mit dem Fahrrad zum Spielplatz fahren. Ich hatte eine Tasche mit Trinken und Snacks (gehe niemals ohne Snacks aus dem Haus!) und seiner Schaufel dabei. Als wir uns auf den Heimweg machen wollten, fuhr er gerade mal 10 Meter, um dann zu erklären – unter Tränen – dass er nicht mehr fahren will. Ich also die Tasche, seinen Helm und das Laufrad in der Hand. In einer Hand! Weil er an Mamas Hand laufen wollte. Und wie ich da entlang des schmalen Weges zwischen den Häuserreihen lang lief, dachte ich mir, bin das eigentlich nur ich? Gebe ich zu schnell nach? Oder hätte ich ihm die Hand verweigern sollen? Denn so ein Laufrad wird mit der Zeit auch schwer. Zum Glück hatten wir es nicht so weit. Auch wenn Jonas am Anfang protestierte, dass unser Zuhause sooooo weit weg wäre. Die Stimmung war bis nach Hause wieder im Gleichgewicht. Vielleicht hätte ich doch den Kinderwagen mitnehmen sollen – da kann ich zur Not das Laufrad mit transportieren.

Oder ich darf einfach akzeptieren, dass ich mich immer mal wieder in Situationen befinden werde, wo ich denke: Ahhhh…es wäre jetzt so viel einfacher und schneller, wenn…Jonas einfach fahren würde…wir einfach nur schnell in den Laden springen könnten, um diese eine Sache zu kaufen (und nicht vorher Rolltreppe oder Fahrstuhl fahren müssten)…ich einfach mal schnell alleine ins Badezimmer auf Toilette gehen könnte…Jonas einfach die Zähne putzen würde, statt bei jedem zweiten Mal erneut die Diskussion zu führen, warum das denn nötig ist…wenn ich doch nur den Einkaufszettel zu Ende schreiben könnte, statt von Jonas zu hören, dass er unbedingt mit diesem Stift auf meinem Zettel auch etwas schreiben muss…wenn wenn wenn…

Und dann hilft es mir zu wissen, dass ich damit nicht alleine bin. Dass sich die Alltagsdiskussionen mit Kleinkindern doch bei allen ähneln und „mal eben schnell“ einfach nicht drin ist. Dafür haben unsere Kinder zu viel zu entdecken, wollen mitreden und ihre eigenen Bedürfnisse durchsetzen. So wie wir als Eltern unsere ja auch. Dafür gibt es Kuscheleinheiten, lustige Lieder während man auf Toilette sitzt, einen bunten Einkaufszettel und manchmal auch erste Tränen, bevor die Zähne endlich sauber sind. Es ist beruhigend zu wissen, dass sich die Realität aller Mamas gewisser Weise ähnelt. Das ist erleichternd. Auch wenn in dem Moment das Laufrad schwer am Arm hängt.

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