Das Chaos im Außen und im Innen

Veröffentlicht am 25. August 2025 um 10:28

Vor ein paar Tagen konnte ich nicht einschlafen. Erst gegen 2:30 Uhr morgens fand ich in den Schlaf. Zu diesem Zeitpunkt spukten in meinem Kopf irgendwelche Kinderlieder umher und ich versuchte mich krampfhaft an Nachnamen von Menschen zu erinnern, die ich das letzte Mal vor 10 Jahren gesehen hatte. Mit anderen Worten: Mein Kopf und Körper kamen nicht zur Ruhe und es ratterte und ratterte immer weiter.

Ich merke, dass ich unter Strom stehe, wenn ich nicht gut einschlafen kann, wenn ich mich nicht mal eine halbe Stunde auf einen Film konzentrieren kann und das Gefühl habe, ich muss immer etwas tun. Bloß nicht still dasitzen! Man kann es auch an meinen Fingern erkennen. Denn leider habe ich seit meiner Jugend die Angewohnheit an meinen Fingern, der Haut um die Fingernägel herum, zu knibbeln. Je nach Gemütszustand sehen sie mal etwas besser oder schlechter aus.

Meistens merke ich die Unruhe, den konstanten Strom, der meinen Körper in Bereitschaft hält, und kann gar nicht genau sagen, warum mein Körper so reagiert. Dass Aufregung und Unruhe auftreten, wenn zum Beispiel ein wichtiger Termin ansteht oder ein Treffen, das unangenehm werden könnte, das ist verständlich. Das kennt jeder. Und man kann den Grund für die Aufregung schnell benennen. Von Zeit zu Zeit bahnt sich bei mir die Unruhe einen Weg und mittlerweile nehme ich sie als Zeichen wahr, dass da etwas ist. Eine Angst, eine Sorge, Trauer oder Wut, die ich so (noch) nicht sehe. Aber mein Körper lässt mich deutlich spüren, dass da etwas gesehen und gefühlt werden will. Mein Kopf ist schnell dabei, eine Erklärung zu finden. Welche Themen beschäftigen mich gerade? Das muss dann bestimmt der Auslöser sein! So wie dieser Tage.

Wir renovieren gerade ein Reihenhaus. Und zwar full on. Micha hat die Wände aufgeschlitzt, neue Kabel mussten verlegt werden, alles wieder zugespachtelt werden. Böden müssen begradigt werden, Schallschutz installiert werden, neue Türen rein und natürlich das gewöhnliche: tapezieren, streichen, neue Böden verlegen. Über Wochen haben wir das Haus mehr kaputt gemacht als neu gestaltet. Es sah aus wie ein Rohbau und überall der feine rote Staub des Putzes (neben Tapetenresten, Steinen vom Durchbruch, alter Gardinen und rausgerissener Teppichböden). Es ist toll und ein Privileg, dass wir die Möglichkeit haben, für unsere Familie ein Eigenheim zu renovieren. Und es bereitet Stress und Sorge, ob wir rechtzeitig fertig werden. Denn die Halbzeit meiner zweiten Schwangerschaft ist bald erreicht und weder ein Umzug hochschwanger noch mit Säugling klingen gut - und dennoch wünsche ich mir ersteres!

Das Chaos im Außen überträgt sich natürlich auch nach Innen. Und trotzdem ist da noch mehr. Mehr als ich mir eingestehen wollte, habe ich Angst. Angst, dass alles mit dem Baby in Ordnung ist. Denn ich habe in den letzten Jahren miterlebt, dass schwanger werden und schwanger bleiben – selbst über das erste Trimester hinaus – keine Selbstverständlichkeit ist. Ich habe viel zu früh geborene Sternenkinder gesehen und spüre die Trauer und Ohnmacht der Eltern, der Mütter, die ein Leben lang begleiten. Und die Angst, ob das auch meine Geschichte wird. Und die Angst, ob sich meine Geschichte wiederholt. Die Geschichte von einem völlig erschöpften, überforderten und traurigem Mädchen, das selbst Schutz, Fürsorge und Umarmung gebraucht hätte und stattdessen sich einer neuen Rolle als Mutter gegenübersah. Ich sage Mädchen und war bei Jonas Geburt 34 Jahre alt. Und dennoch war ich so verloren in diesen ersten Tagen, dass nur noch das Kind in meinem Inneren schrie während im Außen ein Neugeborenes versorgt werden musste.

Die Ängste sind total verständlich. Warum sollten sie auch nicht da sein? Die Frage ist nur, wie damit umgehen? Wenn doch im Außen auch Chaos sein darf – oder auch einfach ungefragt da ist - , darf es im Inneren nicht auch chaotisch sein? Muss ich die Angst kontrollieren? Das geht sowieso nicht…weil dann kommen wieder die schlaflosen Nächte und die kaputten Finger. Wie viel Chaos, also Gefühle fühlen – gerade wenn es die unangenehmen sind – stehe ich mir zu? Es ist doch eigentlich sowieso so: Erstmal muss alles raus und ausgeräumt werden, alles zum Vorschein kommen, bevor es dann wieder ordentlich und neu geordnet verpackt werden kann. Das gilt für unser Haus und auch für meine Ängste.

 

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