Alles anders

Veröffentlicht am 10. September 2025 um 12:25

Es kommt zu mir. Geburt. Dieses Mal will ich alles anders machen. Nicht monatelanges vorbereiten mit Meditationen, vielen Geburtsberichten, Büchern und Podcasts, die erklären, welche Öle hilfreich sind oder wie man seinen Damm massiert. Mein erster Vorbereitungskurs ist auch noch nicht lange her. Keine Zeit und keinen Nerv für einen zweiten Kurs. Dieses Mal mache ich alles anders, sage ich mir.

Denn mit der Erfahrung aus der ersten Geburt und den ersten Wochen danach in meinem Körper gespeichert, ist mir klar: Für mich kommt ein geplanter Kaiserschnitt in Frage. Nein, es ist sogar mein Wunsch! Denn dieses Mal will ich schaffen, was ich letztes Mal nicht konnte: Auf mich und mein Baby aufpassen. Dafür Sorge tragen, dass ich mich als Mutter um mein Baby kümmern kann – und nicht nach Tagen ohne Schlaf völliger Erschöpfung zum Opfer falle und sich Verzweiflung, Schuldgefühle und Überforderung über Monate einnisten.

Ja, dieses Mal wird es alles anders! Es wird klar sein, wann die Geburt ist, keine Einleitung, ewiges Warten, schon schlaflos in die Wehen starten und dann dem Prozess und dem medizinischen Personal ausgeliefert sein. Für mich ist die Wahl eines geplanten Kaiserschnittes keine Flucht oder Umgehen der Schmerzen – denn Schmerzen werde ich haben. Im Nachgang. Über Tage. Das Aufstehen, das Aufrichten und Laufen ist sehr schmerzhaft. Ein Kaiserschnitt ist eine Bauch-OP! Für mich ist es ein Akt der Selbstbestimmung und Selbstfürsorge. Denn ich sorge dafür, dass ich nicht völlig entkräftet durch jeden Tag kämpfen muss. Ich sorge für mich, mein Baby und meine Familie.

Wie gesagt, alles anders als beim ersten Mal. Und irgendwie auch nicht. Denn vor ein paar Tagen musste ich mir eingestehen, dass eines gleich ist. Ich will die Kontrolle behalten. Vor allem über das „wie“ die Geburt verläuft. Beim ersten Mal durch akribische Vorbereitung, so dass ich doch wusste, was passieren würde und was ich machen muss. (Und es kam dann doch alles anders…) Und jetzt durch die Planbarkeit. Die scheinbare Planbarkeit eines Kaiserschnittes. Denn es schoss mir plötzlich durch den Kopf. Und was ist, wenn sich die Kleine vor dem festgelegten Termin auf den Weg macht, ganz ungeplant und spontan? Wenn mein Körper Geburt macht, die Wehen von alleine kommen und vielleicht der Geburtsprozess so schnell geht, dass ein Kaiserschnitt nicht mehr ratsam ist? Und dann die Wehen im Rücken und die Aussicht auf Schmerzlinderung durch eine PDA eher gering (beim letzten Mal haben zwei PDAs nicht oder nur einseitig gewirkt). Also doch mit den Gedanken einer Spontangeburt vertraut machen. Ein Elle Tense-Gerät bestellen, Kreißsaaltasche packen, um nicht überrascht zu werden. Von egal welchem Szenario.

Dieses Mal mache ich alles anders. Nur dass ich gar nicht so „machen“ kann. Jedenfalls nicht kognitiv. Mein Körper macht. Und das ist für meinen Kopf schwer auszuhalten – die Kontrolle abzugeben. Ja, es ist anders. Ich hatte schon eine Geburt. Und das alleine ist schon rational nicht zu erklären, sich dann nochmal auf eine zweite einzulassen. Es ist geschickt von der Natur gemacht, dass Erinnerungen verblassen bzw. andere Emotionen nach der Zeit überwiegen.

Denn ich hatte schon eine Geburt. Und den Moment, wenn man sein Kind zum ersten Mal sieht. Und einfach nur staunt. Ich hatte schon eine Geburt und weiß, was danach auf mich wartet. Und nein, ich meine nicht das Babyweinen, Stillprobleme und Schlafmangel. Ich meine, ein neues Leben in den Händen zu halten, kennenzulernen und wachsen zu sehen. Ich weiß mittlerweile, dass auch die zuckersüßen und nicht enden wollenden Babytage vorübergehen und man auf einmal ein Gegenüber hat, der fordert, argumentiert und seinen festen Platz im Herzen und der Familie hat. Ich weiß, dass die Geburt und das erste Jahr nur der Anfang, nur ein Bruchteil sind von einer Reise mit lauter Aufs und Abs. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich mal freiwillig das größte Stück Kuchen abgebe, dass meine Freude verwoben ist mit der meines Kindes, dass eine Umarmung und Lachen mich zum Weinen bringen kann und ich vor Stolz platze, wenn sich mein Kind freut, dass es die große Rutsche gemeistert hat oder das Pipi in die Toilette geplätschert ist. Es ist so Klischee. Und es ist so wahr. Jedenfalls für mich und wie ich mein Leben als Mutter mit meinem Kind erlebe. Das alles – und natürlich auch das Weinen, Wüten und nicht Schlafen wollen – kommt nun nochmal in unser Leben. Ein Privileg. Ein anstrengendes Privileg, dass das Herz noch größer werden lässt.

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