Lach- und Sachgeschichten

Veröffentlicht am 16. September 2025 um 11:45

Ich habe in die Brotdose von meinem Sohn gepinkelt. Aber fangen wir von vorne an.

Wenn man Mama ist, dann erlebt man allerhand Lustiges und Beunruhigendes. Wie zum Beispiel das auf einmal eine Erbse beim gemeinsamen Abendbrot verschwunden ist. Nein, sie ist nicht auf dem Boden und klebt auch nicht zermatscht am Ärmel. Im Fußball heißt es, das Runde muss in das Eckige. Mein Neffe dachte sich, ob diese Erbse wohl in mein Nasenloch passt? Die Antwort lautet: ja. Reinstecken ist nicht so schwer. Sie herausholen umso mehr. Denn anders als bei einem Smartie, den sich vielleicht oder vielleicht auch nicht seine Mutter als Kind in die Nase gesteckt hatte und somit wohl diese Tradition vom Nasenloch als Versteck begründete, zerläuft die Erbse nicht beim Weinen und kommt als brauner Schnodder raus. Zum Glück halfen ein paar Nieser und die Eltern konnten erleichtert aufatmen – und mein Neffe erst, jetzt wieder mit freier Nase!

Ich hatte auch Horrorszenarien im Kopf von Ärzten, die mir Vorwürfe machen, wie ich das meinem Kind antun konnte. Fast jedes Baby oder Kleinkind ist dem einmal ausgesetzt: Windelsoor. Hartnäckig bleiben die Pobacken wund und insbesondere, wenn man keine Stoffwindeln verwendet (ich hatte dieses hehre Ziel noch in meiner Schwangerschaft und bin dann doch bei den guten alten Plastikwindeln geblieben, die einbetoniert werden müssen…), kriegt die Haut oft nicht genug Luft, um zu heilen. Ich also Windel ausgezogen, Body mit einer Büroklammer hinten hochgesteckt und ab ging es für Jonas durch die Wohnung meiner Eltern mit nacktem Popo. Und auf einmal war die Büroklammer weg. Nicht ungewöhnlich, dass sie vielleicht abfällt. Allerdings sollten wir an dem Tag und die Tage danach auf allen Vieren durch das Wohnzimmer, den Flur und die Küche kriechen und dieses verdammte Ding suchen. Sie war einfach nicht zu finden! Ich möchte anmerken, dass es keine kleine Büroklammer war, sondern eine bunte, große, von ca. fünf Zentimetern. Sofort beschlich mich ein ungutes Gefühl: Was ist, wenn Jonas sie verschluckt hatte? Wann sollte er das gemacht haben? Er war fast die ganze Zeit in meinem Blickfeld oder den meiner Eltern gewesen. Er war zu dem Zeitpunkt knapp über ein Jahr alt. Und ich hatte die Bilder im Kopf von Röntgenbildern, die Jahre später gemacht werden und auf einmal eine Büroklammer entdeckt wird, die ihm Beschwerden in Magen und/oder Darm bereitete. Ich beobachtete Jonas genau die nächsten Tage. Aß er weniger? Hatte er Probleme beim Schlucken? Gab es Blut in seiner Windel? Nichts. Und auch nichts von der Büroklammer. Selbst als meine Eltern das Wohnzimmer ausräumten, um neu zu tapezieren und zu streichen. Erst knapp 1,5 Jahre später wurde das Geheimnis gelüftet. An einem Morgen bekam ich folgende Nachricht meiner Mutter: „Gefrierkombination in den Flur gestellt. BÜROKLAMMER GEFUNDEN!“ Ich hatte meinem Kind glücklicherweise nicht dazu verleitet einen gefährlichen Gegenstand zu schlucken. Aber nach diesem verhängnisvollen Tag habe ich doch vom Gebrauch von Büroklammern Abstand genommen.

Und wer kennt es nicht? Das eigene Kind entdeckt auf einmal seine künstlerische Ader. Nur leider nicht, wenn man alles schön vorbereitet hat mit Malunterlage, Blatt Papier und ggf. Malkittel. Jonas Lieblingsfarbe ist rot. Das zeigte sich auch, als ich wirklich nur mal ganz kurz aus dem Spielzimmer gegangen war, unvorsichtigerweise die Buntstifte in seiner Reichweite habe stehen lassen, und wieder zur Tür reinkam. Denn er präsentierte mir stolz, was er auf den Heizkörper und die Gardine gemalt hatte. Es war Krikelakrak in Rot. Ich rief Micha, er kam ins Zimmer und meinte nur: „Und was ist mit der Wand?“ Ich drehte mich zur Seite und tatsächlich, ich hatte das riesige rote Kunstwerk direkt neben der Tür gar nicht gesehen. Jonas gab ganz bereitwillig zu, dass er das gewesen sei. Wir erklärten ihm, dass er nur auf Papier malen dürfte. Und ich machte mich dran mit Radiergummi die Spuren seines Wirkens zu verwischen. Am Ende machte ich nur die Heizung sauber. Denn ganz ehrlich: Wenn wir aus der Wohnung ausziehen, müssen wir eh streichen und dann ist die Wand da eben solange rot. Ein Mahnmal. Für Jonas und für mich. Denn ich hatte ihn ja schließlich mit den Stiften alleine gelassen…(aber sowas hatte er ja vorher noch nie gemacht).

Und ich kann noch mehr Unfug stiften. Wir waren auf dem Weg von Osnabrück nach Hannover zu einer Geburtstagsfeier. Keine 20 Minuten vor dem Ziel kam der Verkehr auf der A2 plötzlich zum Stehen. Natürlich hatten wir gerade noch die letzte Ausfahrt passiert. Diverse Feuerwehr- und Krankenwagen, die durch die Rettungsgasse fuhren, deuteten eindeutig auf einen Unfall hin. Und leider auch einen größeren. Wir standen am linken Fahrbahnrand auf einer Brücke, neben uns die Leitplanke mit freier Sicht auf die Gegenfahrbahn. Jonas machte das ganze Warten super mit! Nicht er, sondern meine Blase wurde allerdings unruhig. Es war wirklich nicht abzusehen, wann das ganze vorüber sein könnte, denn noch immer kamen mehr Krankenwagen vorbei. Ich musste an ein Interview von einer Mutter denken, die in so einer ähnlichen Situation mal die Windel ihrer Kinder ausprobierte hatte und nur meinte, diese seien nicht für Erwachsene geeignet. Also musste ich eine andere Lösung her. Die Brotdose von Jonas. Ich kletterte auf den Rücksitz, legte geistesgegenwärtig noch meine Regenjacke drunter und öffnete die Dose. Jonas fing zuerst an zu weinen, als ich ihm sagte, dass ich da jetzt Pipi reinmachen würde. Nachdem ich ihm versichert hatte, dass ich sein Essen vorher herausgenommen hatte, war er beruhigt und wollte das Pipi dann gerne mal sehen… Micha saß vorne und schüttelte nur den Kopf als ich akrobatisch und präzise versuchte, meine Blase zu entleeren. Es hat ganz gut geklappt. Die Regenjacke als Unterlage war eine gute Idee und für das nächste Mal sollte lieber ein Eimer griffbereit stehen. Meine Ausrede ist: Ich war in der 19. Schwangerschaftswoche. Und wie bereits gesagt, nein es gab keine Möglichkeit zwischen zwei Autotüren zu pinkeln oder in ein Gebüsch zu gehen. Brücke. Leitplanke. Freie Sicht auf Gegenverkehr. Meine mitfühlende Familie, allen voran meine Schwester, machte sich vor allem Gedanken darum, ob wir nun die Brotdose wieder verwenden würden. Nur so viel: Bislang haben wir sie noch nicht weggeschmissen. Aber in ihrem ursprünglichen Zweck als Brotdose haben wir sie auch nicht wieder benutzt.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.

Erstelle deine eigene Website mit Webador