Mein kurzer Ausflug auf Insta

Veröffentlicht am 12. November 2025 um 15:06

Ich bin die Mutter von Jonas und momentan im siebten Monat schwanger mit unserer kleinen Maus. Und ich bin nicht berufstätig. Ich war berufstätig. Vor Jonas Geburt. Meine letzte Stelle war eine befristete Elternzeitvertretung. Und ganz ehrlich – ich war so froh, dass ich mir nicht Gedanken machen musste, ob ich nach einem Jahr wieder zur Arbeit gehe, weil die Kollegen vielleicht warten. Außerdem war es eine Sache weniger, um die wir uns Gedanken machen mussten im Rahmen des Umzugs nach Göttingen. Es war einfach klar, dass ich mir dann zu gegebener Zeit eine neue Stelle hier in Göttingen suchen werde. Zu gegebener Zeit. Einfach eine neue Stelle. Naja.

Jonas Eingewöhnung in die Krippe begann mit 17 Monaten. Und ich weiß nicht, wie andere Eltern das machen, aber die erste Zeit und vor allem der erste Winter (!) war vollgepackt mit Viren. Die zuerst Jonas und dann ich mitnahmen. Ich war über den ersten Winter fast dauerkrank von Oktober bis März. Ich hatte mich schon mit dem Start der Eingewöhnung auf ein paar Stellen beworben. Das Problem: Finde eine Arbeitsstelle, deren Rahmenbedingungen mit unserem Alltag zusammenpasst. Und deren Arbeitgeber mich überhaupt zum Vorstellungsgespräch einlädt und nicht als nicht qualifiziert/überqualifiziert aussortiert. Denn das ist tatsächlich eine Herausforderung: Meine Prioritäten haben sich verschoben und die Art von Arbeit, die ich vor der Mutterschaft gemacht habe, kommt für mich nicht mehr in Frage. Denn ich stehe nicht mehr für Dienstreisen, Flexibilität bei Arbeitszeiten und Arbeit an Abenden zur Verfügung. Ach ja und am liebsten auch nicht allzu viel Verantwortung. Somit fing ich an mich auf Stellen zu bewerben, die zwar deutliche finanzielle Einbuße bedeuteten, aber von den Rahmenbedingungen besser passten. Nur das sie eben nicht passten. Jedenfalls sahen das scheinbar die Arbeitgeber so. Und ich muss gestehen: Ich war auch nur halbherzig dabei. Denn ich hatte eher das Gefühl, ich MUSS wieder arbeiten gehen als ich MÖCHTE wieder arbeiten gehen. Ich bin tatsächlich ziemlich gut in meinem Alltag ausgelastet und frage mich, wie ich das alles neben einem Job schaffen sollte. Mit dem Wunsch und der Entscheidung für ein zweites Kind und schließlich der Schwangerschaft war klar, dass ich die Jobsuche erstmal auf Eis lege. Es ist eine Erleichterung. Und es nagt an mir. Denn alle um mich herum gehen arbeiten und sind Mütter. Ich habe irgendwo gelesen, dass noch die Mehrheit der Frauen mit Kindern unter drei Jahren nicht erwerbstätig sind. Ich frage mich nur: wo sind sie? Nicht in meinem Umfeld. Und das ist vielleicht auch das Problem. Ich lebe in einer Blase und in dieser Realität arbeiten die Mütter mit Kindern. Nur ich eben nicht.

Den Blog Mama sein ist ganz schön [und] schwer zu schreiben, hat mir geholfen. Endlich wieder ein Outlet für etwas Kreatives. Etwas dass ich Erschaffe. Etwas wovon ich das Gefühl habe, dass es etwas „bringt“ und ich etwas in die Welt gebe, das vielleicht hilft und nützlich sein kann. Auf meiner Visitenkarte steht: Bloggerin. Endlich wieder eine Rolle außerhalb der Mutterschaft. Ich bin tätig. Nur ohne Erwerb. Und damit keine finanzielle Stütze für unsere Familie. (Oder für mich und meine späteren Jahre…) Und ich habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen und bin erleichtert, diese Freiheit und dieses Privileg zu haben, nicht einem Arbeitgeber verpflichtet zu sein.

In einem kurzen Anflug von Euphorie und Aktionismus dachte ich, vielleicht kann ich ja das Thema postnatale Depression und die vielen verschiedenen Facetten von Mutterschaft sichtbar machen und mich in dieser Nische entwickeln. Beruflich. Dazu gehört dann aber (leider) auch Marketing. Wieso nicht wieder als Referentin auftreten nur eben mit einem neuen Thema? Vielleicht eine Art Selbstständigkeit aufbauen? Mit Kooperationspartnern?

Ich war also für zwei Wochen bei Instagram. Ich gehöre zu den Menschen, die sich erst sehr, sehr spät ein Smartphone angeschafft hat. WhatsApp habe ich erst mir erst 2023 installiert, damit ich bei den Babygruppen dabei sein konnte. Ich war also vorher nicht als Benutzerin bei Insta registriert. Aber ich dachte, das macht man so. Nur das ich nicht „man“ bin. Was für eine Flut an Videos, Bildern von Menschen, die ich nicht kenne, nicht kennen will und auch nicht gefolgt bin. Eine Maschine erfunden, um zu scrollen, weiterzuscrollen, sich darin zu verlieren und das Gehirn vollzustopfen. Natürlich gibt es auch Vorteile. Man kann gezielt nach Inhalten und Menschen suchen und Infos bekommen. Aber diese Formate waren nichts für mich. Entgegen meiner Erwartung.

Ich bin also wieder offline. Meine Euphorie und Aktionismus haben sich auch gelegt. Ich gehe nicht dahin und erzähle allen möglichen Menschen von diesem Blog und den Themen. Denn ich will werdenden Müttern keine Angst machen und ich habe auch selbst Angst vor den Reaktionen: Du bist doch keine Expertin. Du hast doch weder Medizin noch Psychologie studiert. Das stimmt. Aber ich bin Expertin für meine Erfahrung und wie ich die Mutterschaft erlebt habe und erlebe. Ich erhebe keinen Anspruch darauf, allumfassend zu informieren. Es ist meine Geschichte. Und die beginnt schon vor der ersten Schwangerschaft und Geburt. Denn dass mich zum Beispiel das Thema „nicht berufstätig“ und die damit verbundene Angst vor Verurteilung, nicht zuletzt auch durch mich selbst, so beschäftigt, liegt in meiner Selbstwahrnehmung begründet. Die Päckchen, die wir alle tragen, kommen spätestens mit Kindern auf den Tisch. Denn zum einen ist das Nervenkostüm dünner und die Trigger kann man nicht mehr so einfach wegdrücken. Zum anderen spiegeln uns Kinder, was wir vielleicht nicht sehen wollen. Und sie stellen Fragen. Und wir stellen uns in Frage. Das ist gut so. Und anstrengend.

Ich bin die Mutter von Jonas und einer kleinen Maus. Und ich bin – momentan, erstmal, vorübergehend, dauerhaft? – nicht berufstätig. 

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