Der Umzug

Veröffentlicht am 3. Dezember 2025 um 11:19

Ich sitze im Bett, besser gesagt auf der Matratze auf dem Boden im Schlafzimmer – das Bett ist schon abgebaut -, und halte Jonas im Arm. Er hustet. Im Halbschlaf verlangt er nach Wasser, versucht weiterzuschlafen. Der Hustenanfall ist noch nicht vorüber. Es ist 23:30 Uhr.

Im halbdunklen Schlafzimmer liegt Micha bei uns. Er muss morgen arbeiten und dann weiter zum Haus. Es ist die Nacht zu Donnerstag. In zwei Tagen ist der Umzug. Der Umzug, von dem uns so viele gesagt haben, das schafft ihr nicht – noch im November. Und es ist auch noch ganz knapp November. Das erste Adventswochenende. Und wenn ich mir unsere Wohnung und das Haus so ansehe, bin ich auch etwas skeptisch. Denn bei uns muss noch so viel gepackt werden. Ich hatte die Woche eingeplant. Dann wurde Jonas krank. Und im Haus versuchen Micha und mein Vater noch so viel wie möglich zu Ende zu renovieren. Werkzeug liegt überall rum, noch schlimmer: der Staub! Noch immer finden sich Reste des roten Staubs vom Putz in den Ritzen, überlagert von Staub vom Zuschneiden des Bodens, der Fußbodenleisten und der Tatsache, dass hier Handwerker und wir überall langstapfen. Ich habe das Gäste-WC und Badezimmer schon drei Mal in den letzten Wochen gewischt und „sauber“ sehen sie nicht aus. Der Wintergarten diente uns als Ablageort für alles, was im Haus bleiben sollte und nun sollen dort aber andere Möbel rein. Wohin mit dem Rest? Ja, wir haben viele Zimmer, einen Keller und Dachboden. Und überall steht schon einiges rum. Teils von meinen Großeltern, teils vom Renovieren (ich wusste vorher nicht, was Rotband ist) und auch schon aus unserer Wohnung. Das einzige Fenster, was ich bislang geputzt habe – in der Küche – ist streifig, ich müsste vorher noch so vieles machen. Prioritäten, Lisa, Prioritäten…

Morgen ist der Umzug und mir geht es richtig dreckig. Mir ist so übel, ich friere und kann fast nur liegen – statt zu packen. Am Morgen schaffe ich es noch mich nach Hause zu schleppen, nachdem ich Jonas in die KiTa gebracht habe. Er ist natürlich wieder fit. Mich zwingen die Übelkeit, Erschöpfung und mein überdimensional großer Babybauch in die Knie, wortwörtlich. Ich versuche im Vierfüßler eine Position zu finden, in der ich einmal durchatmen kann. Es funktioniert nur so halb. Es müssen andere in die Bresche springen. Meine Mutter holt Jonas ab, Micha und mein Vater bauen Schränke ab und fahren schon Dinge ins Haus, meine Schwester und Familie kommt aus Hannover. Jonas ist also erstmal freudig mit seinem Cousin am Spielen. Es ist auch mein Vater, der am Umzugsmorgen auf allen vieren noch die letzten Zimmer im Haus durchwischt, meine Mutter, die das Mittagessen für die Umzugshelfer vorbereitet und die Jungs betreut und meine Schwester, die abwechselnd zur Hand geht und Kinder betreut. Und natürlich die helfenden Hände, die Micha beim Tragen unterstützen. Wir ziehen in ein Reihenhaus mit zwei Etagen. Happy times für die Beine. Am Ende des Tages hat jeder gemerkt, was er geschafft hat!

Und ich? Meine Übelkeit ist weg. Dafür Schüttelfrost da. Immer wieder muss ich mich hinsetzen und versuche trotzdem anzupacken bzw. eher auszupacken. Es ist ja auch mein Umzug und ein richtig blödes Gefühl, so wenig machen zu können. Und dann sagt Micha: Deine Aufgabe ist es, die kleine Maus auszutragen. Ja, das stimmt. Und es fühlt sich in dem Moment nicht genug an. Ich möchte so gerne zeigen, dass ich mithelfe; dass ich vorausgehe; dass ich nicht faul rumsitze. Dabei arbeitet mein Körper die ganze Zeit auf Hochtouren. Er kämpft gegen Krankheit und lässt Leben wachsen. (Und wie er es wachsen lässt – die kleine Maus ist eine große Maus!) Und er hält nachts Jonas im Arm, wenn er hustet oder weinend aufwacht.

Die nächsten Tage beschert mir mein Körper jeden Tag scheinbar ein neues Symptom. Wie eine Freundin schon meinte, die Schwangerschaft ist mein persönlicher Adventskalender dieses Jahr. Mittlerweile bin ich bei Schnupfen und Husten angekommen. Und wir sind in unserem neuen Zuhause angekommen. Jedenfalls physisch. Es ist noch nicht alles ausgepackt. Ein paar Dinge stehen noch in der alten Wohnung. Und doch hängen hier schon Lichterketten und Adventskalender. Es ist alles neu und doch auch vertraut. Denn ich kenne dieses Haus seit meiner Kindheit. Hier haben meine Großeltern gewohnt und es hat lange gedauert, bis ich nicht mehr gesagt habe „das Haus meiner Oma“. Es ist jetzt unser neues Zuhause. Ein Ankommen in der Adventszeit. Wie passend. Und auch die kleine Maus darf bald hier ankommen. Bald.

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