Paradoxe – Nicht entweder oder. Sondern sowohl als auch.
Manchmal fallen die Dinge auf sonderbare Weise zusammen. Ein Geburtstag in Erinnerung, eine Beerdigung, einen Tag vor Weihnachten. Ein Leben ist gegangen und ein Leben kommt und strampelt schon ordentlich in meinem Bauch. Es ist eine besondere Zeit, schwanger zu sein...im Advent. Warten und Ankunft. Es ist eine besondere Zeit in der Schwangerschaft, die letzten Wochen.
Je näher die Geburt rückt desto surrealer wird es. Gefühlschaos. (Neben dem restlichen Umzugschaos).
Ich habe die Kisten mit Babykleidung, sortiere die Größen 50/56, richte die Wickelstation ein, packe die Kliniktasche.Und ich bin emotional distanziert, abwartend, angespannt, auf halb-acht-Stellung.
Ich spüre das Privileg, schwanger zu sein und bin wehmütig, dass dies das letzte Mal ist. Und ich wünsche mir wieder normal aufstehen zu können und ohne Medizinball vor dem Körper umherlaufen zu können.
Ich freue mich auf die Kleine; schon bevor klar war, dass sie kommt! Und ich kann mir gar nicht vorstellen, jetzt noch/wieder ein Baby zu bekommen; mich nochmal von Punkt 0 an kümmern zu müssen.
Ich wünsche mir so sehr ein zweites Kind. Und ich habe Angst, dass es zu viel wird; dass ich „es“ nicht schaffe und vor Müdigkeit und Trostlosigkeit im Babytrott eingehe.
Es ist eine Zeit, in der ich eng gebunden und eingetaktet bin. Durch Jonas, seine Bedürfnisse, seinen Rhythmus. Und bald noch weniger unabhängig, wenn die kleine Maus ihren Takt diktiert. Und es ist eine Zeit, in der ich mich free floating fühle und versuche mich nicht zu verlieren. Wer bin ich? Was macht mich aus? Mama sein ist dazugekommen und dominant, aber ist das noch mehr? Und das Mamasein setzt ganz neue Dinge frei: Prioritäten, Lebensvorstellungen, Ansichten, Beziehungen zu Menschen – alles wandelt sich. Das ist ein Prozess und nach drei Jahren bin ich (immer) noch in the messy middle.
Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass das Elternsein ein beständiges Paradox ist. Denn oft ist rational nicht zu erklären, warum Frau und Mann sich Schlafentzug, Wutausbrüche und Kinderlieder in Endlosschleife im Auto antun. Zum Glück sind Menschen emotionale Wesen. Und somit mischen sich zu Erschöpfung, Genervtsein und Ungeduld auch Stolz, Freude und Wärme. Es ist alles zusammen. Sowohl als auch.
Ich liebe mein Kind und könnte es manchmal gegen die Wand klatschen.
Ich bin gerne in seiner Nähe, habe ihn gern um mich herum und brauche dringend Abstand und Freiraum zum Atmen (und um mich zu bewegen ohne jemanden an meinem Körper zu haben).
Ich bin gerne Mama und ich will mehr sein.
Ich bin stolz, dass ich Jonas auf die Welt gebracht habe und denke, darf ich überhaupt mitreden, weil ich doch nur ein Kind habe – und dann auch noch per Kaiserschnitt.
Ich kann mir ein Leben ohne nicht vorstellen und ich male mir aus, wie es wäre ein Wochenende ohne Kind zu verbringen.
Ich will Jonas im Arm halten und ihn beschützen und ich habe Stimmen im Kopf, die sagen: Da muss er durch.
Ich bin zuerst Jonas Mama und ich möchte auch Partnerin, Schwester, Freundin und einfach Lisa sein.
Ich schicke Jonas in die Kita und ich möchte selbst auf ihn aufpassen.
Ich freue mich, ihn von der Kita abzuholen, um mit ihm Zeit zu verbringen und ich bin nach einer Stunde müde und wünsche mir eine Pause mit Kaffee und Buch.
Ich bin oft erschöpft und freue mir auf unser zweites Kind.
Ich will nicht ohne Jonas leben und zähle manchmal die Stunden, bis ich ihn endlich ins Bett bringen kann.
Ich bin begeistert und stolz, wenn Jonas mir Dinge erklärt und mir Lieder vorsingt und wehmütig, dass er jeden Tag mehr Unabhängigkeit erlernt.
Ich warte darauf, dass er etwas älter wird, damit wir all die schönen Dinge tun können, die ich mir jetzt schon ausmale und ich will nicht, dass er älter wird.
Es ist alles zusammen. Sowohl als auch. Paradox. Und das Leben bedeutet vielleicht, genau diese Spannungen zu halten, zu akzeptieren und mit den gegenteiligen Gefühlen Frieden zu schließen.
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