Postpartum

Veröffentlicht am 3. Februar 2026 um 15:36

Ich sitze abends im Bett, Jonas kränkelnd neben mir und seine kleine Schwester auf meinem Schoß, und lasse die Tränen im halbdunklen Zimmer laufen. Wir sitzen hier schon über eine Stunde, Einschlafbegleitung in guten wie in schlechten Zeiten. Jonas hat Mittagsschlaf gemacht, das Fieber macht müde. Nun ist das Fieber fast weg und „jemand“ spielt flüsternd mit seinen Händen und dreht sich hin und her. Auf dem Bett liegt die Trage, aus der unsere kleine Maus dann doch raus wollte. Nun wird sie alle zehn Minuten halb wach und ist nicht so ganz zufrieden. (Zu ihrer Verteidigung – sie wurde auch schon mit Muttermilch druckbetankt und vollgespritzt.)

Und ich schaukle vor und zurück und weine. Dass ich Jonas nicht einfach in den Arm nehmen kann und meine Hand wegnehmen muss, wenn sich seine Schwester wieder dreht. Dass ich weder ihm noch ihr gerecht werden kann. Dass ich beim Blick auf Jonas auf einmal realisiere, was wir alles erlebt und durchgestanden haben in den letzten drei Jahren, um es hierher zu schaffen und dass macht mich stolz und auch ängstlich mit Blick auf unseren neusten Zuwachs. Dass die beiden älter und größer werden und ob sie uns in zwanzig Jahren noch auf Augenhöhe begegnen und gerne Zeit mit uns verbringen. Dass ich überhaupt hier sitze und weine, Geschichten in meinem Kopf erzähle, von den Hormonen getrieben bin und ich doch eigentlich vorher wusste, dass gerade die ersten Monate hart werden.

Fast forward zum nächsten Morgen. Nach einer Nacht mit viel Husten (= wenig Schlaf) liegen auch bei Jonas die Nerven blank. Frust und Wut müssen raus, vielleicht auch etwas Hilflosigkeit dabei. Und ich sitze daneben und kann nichts machen. Denn alle Angebote meinerseits werden abgeschmettert – wahlweise mit Geschrei oder einem umherfliegenden Teddybären. Kein Körperkontakt, keine Worte, alles macht es schlimmer. Und nach dreißig Minuten schwindet auch meine Geduld, während meine Kopfschmerzen exponentiell ansteigen. Interessanterweise schläft die Kleine friedlich weiter. Dabei macht ihr Bruder dank der Erkältung beim Weinen Laute wie ein Nazgul. Und als ich dann aus dem Wohnzimmer weggeschickt werde, reißt auch der letzte Faden. „Ich gehe mit ihr nach oben. Ist mir egal, was mit dem Kind ist.“, erkläre ich lautstark. Micha macht mir einen Kaffee und übernimmt. (Er ist auch nachts dabei und hat während meiner Marathon-Einschlafbegleitung vor der Schlafzimmertür gesessen, um die Kleine zu nehmen, falls sie schreit.)

So viel – oder wenig – war übriggeblieben von meinen abendlichen Schuldgefühlen gegenüber meinem kranken Kind…

Postpartum ist ein auf und ab. Dank der Hormone, des Schlafmangels, eines neuen Menschen in der Familie, der Anstrengungen der letzten Schwangerschaftstage und der Geburt, der körperlichen Heilung, der erneuten Transformation zur Milchbar, und und und

Und natürlich erlebe ich die Momente des Staunens und des Glücks – es liegt wieder ein Baby in meinem Arm und kuscheln kann sie ganz toll. Und Jonas malt für uns, will bei seiner Schwester sein und „liest“ uns sein Lieblingsbuch über Dinos vor. Und ich kann es nicht fassen, wenn ich zwischen meinen beiden Kindern liege, eingequetscht wie ein Sandwich und von beiden Seiten ihre Wärme spürend. Geborgenheit.

Und es ist eben auch Forderung, Bedürfnisse zurückstellen (die eigenen!) und Erschöpfung. Die Aufs und Abs wechseln sich stetig ab und erinnern mich daran, dass nichts von Dauer ist. Es sind alles Momentaufnahmen: die Tränen (von Mama und Baby und Kleinkind), die milchdurchnässten Oberteile, das Bedürfnis nach Ruhe und einem Augenblick ohne Kinder, die warmen Kuscheleinheiten, das friedliche Atmen im Schlaf, die kleinen Füße und Finger, die großen stolzen Augen beim Überreichen eines selbst gemalten Bildes, dieses ehrliche Kinderlachen. Mama sein ist ganz schön. Mama sein ist ganz schön schwer.

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