Diese Tage

Veröffentlicht am 3. Mai 2026 um 08:59

Das sind die Tage, an die sie sich nicht mehr erinnern werden. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sie auch für mich verblassen werden.

Die scheinbar monotone Ewigkeit von Erschöpfung und gefordert sein geht vorüber. Das Schreien am Abend wird ein Ende haben. Die schlaflosen Nächte werden weniger. Ich werde meinen Körper wieder für mich haben, ohne dass ein kleines Wesen von A nach B getragen werden muss. Ich werde wieder Zeit mit meinem Mann genießen und auch die Gefahrenquellen, die in jeder Steckdose, an jedem Busch mit Beeren und an Kanten von Tischen lauern, werden weniger. Denn sie wachsen. Sie lernen. Sie laufen. Sie sprechen. Sie fordern Autonomie. Sie singen mir einen Film vor, in dem ein Zug von einer fleischfressenden Pflanze angegriffen wird, sobald er im Bahnhof hält (aha...).

Und das alles scheint unendlich weit weg; jetzt, wo ich Abend für Abend das neue Leben in der Trage durch die Räume wiege. 14 Wochen sind noch zart. Trotz ihrer kräftigen Stimme und den wohlgenährten Beinen. 14 Wochen sind nichts und dennoch fühlen sich manche Tage an wie gefangen in einer Schleife. Ja, es ist alles nur eine Phase. Aber keiner weiß, wie lange sie dauert.

Wenn ich Jonas angucke, will ich nicht, dass sie größer wird. Nicht weil es mit Jonas keinen Spaß macht – im Gegenteil. Da steht mir ein Mensch auf Augenhöhe gegenüber. Ich weiß nur – im Nachhinein – wie schnell die Babyzeit vergeht. Die Laute, das zahnlose Lächeln, das Staunen über alles, die enge, enge Nähe, die bedingungslose Liebe (sofern es regelmäßig die Milch fließt). Ich will dieses junge Leben voller Neugier, Unschuld und Liebe festhalten. Am liebsten für immer.

Und irgendwie tue ich das auch. Denn wenn ich Jonas anschaue, dann sehe ich ihn auch als Baby vor mir. Und mit einem Jahr als er sich noch von Möbelstück zu Möbelstück entlang gehangelt hat. Ich sehe alle seine verschiedenen Versionen vor mir. Für mich scheinen sie alle durch ihr jetziges Gesicht hindurch; auch wenn er, wenn sie zwanzig oder dreißig Jahre alt sein werden. Sie hingegen werden sich nicht an diese anstrengenden, kräftezehrenden und unheimlich kostbaren Tage erinnern können. Aber ich hoffe, die Liebe und Zuneigung bleiben in ihren Körpern gespeichert, irgendwo. Und ich hoffe, sie bleiben bestehen. Dieses Mal wirklich für die Ewigkeit. Jedenfalls für die Ewigkeit unserer Leben.

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