An einem unserer letzten Besuche in der Pizzeria unseres Vertrauens in Hannover, Jonas war frisch geschlüpft und wir holten uns vorbestellte Pizzen ab, kam die Frau des Besitzers auf uns zu und meinte nur: „Ach Kinder sind so etwas tolles. Mutter sein ist das Beste. Und was sie einem nachher für Geschenke machen!“ Ich war damals schon irritiert.
Denn völlig übernächtigt, die postnatale Depression klopfte schon an, dachte ich eher: „Ach Kinder sind vor allem…anstrengend!“. Und auch die Aussage zu den Geschenken. Wenn ich an meine grandiosen Kindergeschenke an meine Eltern denke: die nie eingelösten „1 Mal Staubsaugen“ oder „1 Mal Abwaschen“-Gutscheine, selbstgemalte Bilder mit mysteriösen Formen und am besten mit Schwarz übermalt, ein Stein aus der Gosse, und später der selbstgebackene Kaffeekuchen – nur leider wussten meine Schwester und ich nicht, dass man löslichen Kaffee nehmen muss. Als Folge begleitete lautes Knirschen den Verzehr des Kuchens.
Aurelia kam zwei Tage vor meinem 38. Geburtstag auf die Welt. Ich verbrachte meinen Geburtstag nach dem Kaiserschnitt im Krankenhaus. Es war ein schöner Tag, denn mein bestes Geschenk hielt ich ja schon seit zwei Tagen in den Armen und Micha war, dank Familienzimmer, auch die ganze Zeit dabei. Am Nachmittag kamen Jonas mit meinen Eltern zu Besuch. Er hatte mir zwei Bilder gemalt und mit Stickern beklebt. Ich fand sie wunderbar und eines hängt an der Kellertür und eines ist gerahmt und steht auf der Fensterbank.
Das größte Geschenk jedoch, und auch die größte Überraschung, ist zu sehen wie Jonas und Aurelia interagieren. Nie hätte ich zu träumen gewagt, dass Jonas so in seiner Rolle als Bruder aufgeht. Von Anfang an war da kein Neid, keine Eifersucht, kein „wann geht das Baby wieder?“. Natürlich war es eine Umstellung für ihn. Denn er musste oft hören: „Mama kann jetzt nicht. Sie muss Aurelia stillen/sie hat Aurelia auf dem Arm/…“. Aber irgendwie gehörte für ihn Aurelia ab Tag 1 dazu. Er wollte unbedingt mit Aurelia in einem Zimmer schlafen – bis heute. Er bringt ihr Spielsachen und mittlerweile, jetzt wo sie mobiler wird, baut er extra Sachen aus Duplo, die sie kaputt machen darf. Aurelia darf sowieso alles kaputt machen! Aber wehe Mama oder Papa fassen es an… Er freut sich mit uns, wenn Aurelia ihre Krabbelversuche macht. Er tanzt für sie und passt auf sie aus, „dass sie keinen Blödsinn macht“, wie Jonas sagt. Und Aurelia? Die findet ihren großen Bruder großartig. Bei niemanden lacht sie so, wie bei ihm. Sie will immer genau dorthin, wo er ist und mit dabei sein. Sie kennt es ja nur mit ihm und wir sagen ihr oft, was für ein Glück sie hat, so einen tollen großen Bruder zu haben.
Ich bin oft gerührt und voller Dankbarkeit, wenn ich sehe, wie großzügig Jonas mit Aurelia teilt und ich versuche auch aufzupassen, dass Aurelia nicht alles zerstört, was Jonas wichtig ist. Viele sagen, sie wünschen sich auch ein zweites Kind als Geschwisterkind für das erste Kind. Das war bei uns nicht so. Wir haben uns in erster Linie für ein zweites Kind entschieden, weil wir ein zweites Kind wollten. Nicht für Jonas. Und es ist so schön zu sehen, wie sehr auch Jonas seine kleine Schwester als Bereicherung und wertvollen Schatz wahrnimmt.
Ohne Jonas gebe es Aurelia nicht. Denn ein zweites Kind konnten wir uns auch nur vorstellen, weil wir erleben, welche Abenteuer und neue Dinge wir von und mit Jonas lernen dürfen. Er schenkt uns ganz viel. Beide tun das. Manchmal sind es ein Lachen, Bilder oder selbstgebaute Boote. Und manchmal sind es volle Windeln, nasse Unterhosen oder ein Pups.
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