Ich sage schlimme Dinge

Veröffentlicht am 22. Mai 2026 um 15:27

Ich sage schlimme Dinge, wenn ich nachts von meinem Kind geweckt und wachgehalten werde. „Das ist doch zum Kotzen.“ „Mama muss wegen dir aufstehen.“ „Dann musst du eben alleine oder mit Papa schlafen.“

Ich bin ganz im Teil, der müde ist und Angst hat, was eine erneute Nacht mit nächtlicher Wachphase von zwei Stunden für den nächsten Tag bedeutet. Und es kommt raus als Wut, als Vorwurf, und Beschämung. Es muss Jonas das Gefühl geben „ich bin Schuld“, „ich bin zu viel“, „ich werde weggestoßen“. Und nur das zu schreiben, bricht mir das Herz.

Denn ich weiß es doch eigentlich besser. Denn ich möchte meinem Kind nie das Gefühl von Schuld, zu viel und alleine sein geben. Ich bin es, die für mich sorgen muss; nicht er. Ich muss für mich sorgen und nicht darauf hoffen, dass er genauso „funktionieren“ wird, wie ich es gerade brauche oder gerne hätte. In diesem Fall schließt das ein, die Schlafroutine mit meinem Mann zu klären und abzugeben. Ja, wenn das so einfach sein. Denn da gibt es meinen Kopf, der sagt: Ich will, ich muss das alleine schaffen! Und: Micha muss morgen früh nicht nur körperlich, sondern geistig funktionieren. Er arbeitet und ich nicht. Und: Ich nehme es lieber auf mich. (Ich weiß, wie aufopfernd von mir…wenn dann nicht irgendwann im Erschöpfungsmodus ein Teil von mir ihm das vorhalten würde. Also von wegen „ich Heilige“.) Ich habe ja auch theoretisch den Luxus, mich nochmal mit Baby hinzulegen. Nur dass ich nicht (mehr) tagsüber gut schlafen kann. Mit Jonas habe ich einen Mittagsschlaf kultiviert. Den macht er schon lange nicht mehr und seitdem geht es bei mir auch schwieriger. Denn die Uhr tickt und ich weiß, um 13.30 Uhr muss ich mich fertig machen, um Jonas abzuholen. Da kann ich nicht runterfahren. Und da mein Kopf schon dabei ist, verkrampft ja nicht die Zeit zu verschlafen, denkt er gerne auch über Begrünung der Fensterbank, die mögliche Gestaltung eines Jugendzimmers (in 10 Jahren!) oder mögliche Szenarien für einen Urlaub im nächsten Jahr nach. Sprich: mein Nervensystem ist eine Autobahn. Der Sympatikus läuft auf Hochtouren. Mein Kopf dreht sich, während ich im Bett liege und versuche Schlaf nachzuholen – oder vorzuholen?

Micha nennt mich seit den frühen Tagen mit Baby Jonas „Heldin der Nacht“. Nur bin ich das nicht. Ich bin noch nicht mal Mama in der Nacht, sondern einfach nur Lisa, die tot müde ist. Da ist nichts mit Verständnis. Oder Fürsorge. Da ist alles zu viel. Das Rankuscheln – ich brauche auch Platz auf meinem Kopfkissen. Die Wachphasen – ich brauche auch Schlaf. Das Stillen kommt auch noch hinzu. (Obwohl die Flasche keine Alternative wäre. Dann müsste ich ja aufstehen. Chapeau an alle Eltern, die mit Flasche stillen!) Und dann der Ärger über mich selbst, dass es 2 Uhr morgens ist und ich nach dem Stillen nicht wieder einschlafen kann. Und eine halbe Stunde später ist Jonas wach…wach-wach.

In diesen Momenten bin ich nicht „ganz bei mir“ und „innerlich ausgeglichen und ruhig“, um meinem Kind „liebevoll und bedürfnisorientiert“ zu begegnen. Ich bin eher ganz außer mir, innerlich angespannt und frage mich: Was zum Teufel ist mit meinen Bedürfnissen?! Und dann fallen diese Sätze…

Ein Teil denkt sich: Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Und ich kann niemandem die Schuld geben. Nicht den Kindern; vor allem nicht den Kindern! Außer mir. Weil ich mich um meine Bedürfnisse kümmern muss. Die kann keiner von meinen Augen ablesen (außer morgens nach einer durchzechten Nacht vielleicht). Die muss ich formulieren und dafür einstehen. Und vor allem erstmal mir selbst erlauben, wenn es alle anderen um mich herum schon längst erkannt haben. Das machen Jonas und Aurelia, nebenbei bemerkt, auch. Das ist ihr Recht und das kann ich von ihnen lernen. Und die Realität mit Baby und Kleinkind ist auch: Es ist anstrengend. Besonders die Nächte. Besonders der Schlafmangel. Und die eigenen Bedürfnisse stehen hinten an.

Wie weit kann das aber gehen ohne daran selbst kaputt zu gehen – denn dann ist den Kindern auch nicht geholfen? Welche Bedürfnisse habe ich; welche sind essentiell? Mit wem muss ich sie verhandeln? Und warum können die Kinder oder ich nicht einfach durchschlafen?

Es ist 13:30 Uhr. Zeit für meinen Spaziergang zur Kita. Mit genug Fragen zum Nachdenken im Gepäck. Oder für die nächste nächtliche Wachsession.  

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